Long Covid & Oxyvenierung 

Erschöpfung, Atemnot, Konzentrationsstörungen. Nach wie vor ist unklar, wie Menschen mit Long Covid wirkungsvoll geholfen werden kann. Hier erklärt der Facharzt für Innere Medizin Dr. Frank Jaschke, was er sich von der Oxyvenierung – einer Therapie mit medizinischem Sauerstoff – bei Long Covid verspricht.

Dr. med. Frank Jaschke
FA. für Innere Medizin, FA. für Psychosomatik und Psychotherapie
Dr. med. Frank Jaschke
FA. für Innere Medizin, FA. für Psychosomatik und Psychotherapie
Für den Facharzt für Innere Medizin Dr. med. Frank Jaschke ist die Oxyvenierung ein vielversprechender Ansatz bei Long Covid: „Nach allem was wir derzeit wissen, spielen chronische Entzündungen und eine gestörte Durchblutung kleinster Gefäße eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Long Covid. Beides können wir mit reinem medizinischem Sauerstoff behandeln, den wir bei der Oxyvenierung über die Armvene zuführen. So lassen sich Entzündungen hemmen und Gefäße erweitern. Das Gewebe wird besser durchblutet und bekommt wieder mehr Sauerstoff.“
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Long Covid macht vielen das Leben schwer

SARS-CoV-2 hinterlässt Spuren. Schätzungen zufolge waren im Dezember 2021 bereits 500.000 Menschen in Deutschland an Long Covid erkrankt (1). Obwohl eine akute Covid-19-Infektion maximal vier Wochen dauern sollte, leiden Long-Covid-Patienten auch danach noch unter Symptomen, die ihr Leben erheblich beeinträchtigen können.

Ob jung oder alt, leichter oder schwerer Verlauf, geimpft oder ungeimpft: Long Covid kann jeden treffen. Sogar Menschen, die ihre Infektion nicht einmal bemerkt haben, können Long Covid bekommen.
Derzeit gehen Experten davon aus, dass rund 10–15 % der Infizierten an Long Covid erkranken. Frauen häufiger als Männer. Die meisten Betroffenen sind zwischen 30 und 50 Jahre alt.

Das Post-Covid-Syndrom scheint bevorzugt Patienten mit Vorerkrankungen zu betreffen, also Menschen mit Bluthochdruck, Asthma, Adipositas, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und sogar Rückenschmerzen.

Da es sich bei Long Covid um ein noch recht junges Krankheitsbild handelt, ist nach wie vor vieles unerforscht. Noch weiß niemand, wie häufig genau Long Covid auftritt, wie es dazu kommt und wie es sich effektiv behandeln lässt. Doch der Leidensdruck vieler Patienten ist hoch und verlangt nach raschen Lösungen. Zudem scheint es sich abzuzeichnen, dass eine frühe Behandlung wichtig ist, damit die Beschwerden gar nicht erst chronisch werden.

Was ist Long Covid?

Von Long Covid sprechen Ärzte, wenn länger als vier Wochen nach Beginn einer Covid-19-Infektion immer noch Beschwerden bestehen, die im Zusammenhang mit der Infektion zu sehen sind.
Wenn nach mehr als zwölf Wochen immer noch Symptome vorliegen, spricht man zusätzlich von einem Post-Covid-19-Syndrom.

Symptom-Vielfalt bei Long Covid

Das für COVID-19 verantwortliche Virus SARS-CoV-2 kann alle möglichen Organe befallen. Entsprechend vielfältig sind die Symptome bei Long Covid. Die Bandbreite reicht von organischen Beschwerden wie Atemnot und Herzklopfen bis zu psychiatrisch-neurologischen Störungen wie Depressionen und Angststörungen. An die 200 Symptome wurden bereits im Zusammenhang mit Long Covid beschrieben. Und jeder Patient hat seinen eigenen Mix daraus.

Auch bei der Intensität gibt es große Unterschiede: Von leichten bis schweren Symptomen bis hin zu ME/CFS ist alles möglich. Manche Long-Covid-Patienten können nicht mehr klar denken (Gehirnnebel, „Brain fog“), andere kaum ein paar Schritte gehen. Das kann so weit gehen, dass die Betroffenen nicht mehr arbeiten können und sogar im Alltag auf Hilfe angewiesen sind.

Häufige Symptome von Long Covid sind

  • Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Fatigue (Patienten sind schnell sehr erschöpft)
  • Konzentrations- und Gedächtnisstörungen („Gehirnnebel“)
  • Schwindel
  • Geruchs- und Geschmacksstörungen
  • Atmung: Atemnot, Kurzatmigkeit, Husten
  • Schmerzen: Muskel- und Gelenkschmerzen, Brustschmerz, Kopfschmerzen
  • Herzklopfen, Herzstolpern
  • Schlafstörungen
  • Psyche: Angstzustände, depressive Verstimmungen
  • u.v.m.

Wie lange die Beschwerden insgesamt anhalten können, ist noch unklar. Es gibt einige Patienten, die noch nach sechs bis zwölf Monaten mit spürbaren Einschränkungen zu kämpfen haben.
Die gute Nachricht: In der Regel gehen die Beschwerden im Laufe der Zeit zurück.

Tiefere Ursachen von Long Covid

Die tieferen Ursachen von Long Covid sind noch nicht im Detail geklärt. Eine wichtige Rolle scheint das Immunsystem zu spielen. Denkbar ist, dass je nach Patient andere Faktoren entscheidend sind. Hier einige der wichtigsten aktuellen Hypothesen zur Entstehung von Long Covid, die zum Teil ineinandergreifen:

  • Das Immunsystem kommt nach dem Infekt nicht richtig zur Ruhe. Grund dafür könnten kleine Restmengen des Virus sein, die punktuell in Organen verbleiben.
  • Das Immunsystem richtet sich gegen den eigenen Körper. Es kommt zu einer Autoimmunreaktion.
  • Unterschwellige Entzündungsprozesse beanspruchen das Immunsystem über die akute Infektion hinaus. Für diese Annahme sprechen erhöhte Entzündungswerte einiger Long-Covid-Patienten.
  • Entzündungen und Schäden an den Innenwänden von Gefäßen begünstigen die Bildung kleiner Blutgerinnsel (Thromben) und stören die Durchblutung.
  • Es gibt Probleme mit der Durchblutung kleinerer Blutgefäße (Mikrozirkulation). Diese können das Blut dann nicht mehr richtig verteilen und das Gewebe wird nicht mehr richtig mit Sauerstoff versorgt.
  • Noch nicht beseitigte Schäden an Organen und im Nervensystem führen zu Symptomen wie Geruchs- oder Geschmacksverlust.

Behandlungsansätze - Was tun bei Long Covid?

Wie können wir den Körper in dieser Situation unterstützen? Bislang gibt es leider keine anerkannte Therapie gegen Long Covid. Das gleiche gilt übrigens für das Chronische Müdigkeitssyndrom (ME/CFS), genauso wie bei Long Covid gibt es hier weder beweisende diagnostische Kriterien noch eine etablierte Therapie. Manche Patienten mit vermutetem Long Covid berichten bei einer späteren Impfung von einer Besserung ihrer Beschwerden, andere vom gegenteiligen Effekt. Je nachdem, welche Beschwerden im Vordergrund stehen, können Ergotherapie, Physiotherapie oder Psychotherapie bei der Linderung von Symptomen helfen.

Darüber hinaus können wir den Körper – insbesondere das Immunsystem – entlasten. Durch Ruhe, Entspannung, gesunde Ernährung, aber auch durch die Behandlung von Grunderkrankungen, wie z.B. Allergien. Darüber hinaus können wir das Immunsystem gezielt unterstützen – z.B. mit einer Oxyvenierung nach Regelsberger.

Wie funktioniert die Oxyvenierung?

Bei der Oxyvenierung nach Regelsberger wird über eine Armvene gezielt medizinischer Sauerstoff zugeführt. Anders als man zunächst annehmen könnte, geht es jedoch nicht darum, den Körper mit mehr Sauerstoff zu versorgen. Vielmehr ist Sauerstoff bei der Oxyvenierung als pharmakologischer Wirkstoff im Einsatz.

So wirkt die Oxyvenierung bei Long Covid

Die größten Stärken der Oxyvenierung:

  • Die Oxyvenierung hemmt Entzündungen.
  • Die Oxyvenierung erweitert Blutgefäße.

Beides macht sie bei mit Blick auf Long Covid besonders spannend. Wegen ihrer stark entzündungshemmenden Wirkung wird die Sauerstofftherapie z.B. bei Eiterherden im Kiefer und vielen anderen chronischen Entzündungen genutzt. Darüber hinaus hat sie sich bei sehr vielen Erkrankungen bewährt, darunter auch solche, die bei Long Covid eine Rolle spielen wie

Ähnliches gilt für Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Tinnitus und Schwindel, die ebenfalls im Rahmen von Long Covid auftreten.

Aus meiner Sicht bietet die Oxyvenierung nicht nur die Chance einzelne Symptome zu lindern, sondern vor allem einer Chronifizierung entgegenzuwirken.

Aufwand & Kosten

Um eine möglichst gute Wirkung zu erzielen, empfehle ich meinen Patienten zu Anfang mindestens drei Sitzungen pro Woche. Insgesamt sollten Sie für eine Oxyvenierung mit 20 Behandlungen zu je 10 bis 30 Minuten rechnen. Erfahrungsgemäß spürt der Patient schon nach zehn Sitzungen deutlich, ob die Behandlung anschlägt.
Je nach Behandlungssatz des Therapeuten sollte es möglich sein, bei 20 Behandlungen mit 500–600 € auszukommen. Allerdings gibt es durchaus Praxen mit deutlich höheren Sätzen.

Was können Sie selbst tun?

  • Gehen Sie zum Arzt, wenn Sie vier Wochen nach einer COVID-19-Infektion noch Beschwerden haben oder einfach nicht mehr richtig auf die Beine kommen. Erster Ansprechpartner ist in der Regel Ihr Hausarzt.
  • Eine gesunde, ausgewogene Ernährung ist ein wichtiger Baustein für Ihre Genesung. Gute Nährstofflieferanten sind Obst, Gemüse, Nüsse, Salat, Kräuter und Hülsenfrüchte. Bleiben Sie sich treu: Was Sie nicht vertragen, sollten Sie auch nicht essen – egal wie gesund es angeblich ist.
  • Vermeiden Sie Dinge, die Ihren Körper zusätzlich belasten, wie zu viel Koffein (Kaffee, Energy-Drinks), Alkohol. Sollten Sie Rauchen: Jetzt ist der beste Zeitpunkt zum Aufhören!
  • Geben Sie Ihrem Körper die Zeit und Ruhe, die er braucht.
  • Sorgen Sie für Entspannung, vermeiden Sie übermäßigen Stress und Medienkonsum.
  • Ein gleichmäßiger Tagesablauf und Ruhe am Abend verhelfen Ihnen zu besserem Schlaf.
  • Wenn Sie sich regelmäßig bewegen, ohne sich zu überfordern, profitieren Körper, Geist und Psyche gleichermaßen davon. Ideal sind moderate Spaziergänge an der frischen Luft. Aber bitte übertreiben Sie es nicht. Sonst erreichen Sie womöglich genau das Gegenteil.
  • Niemand sollte mit seinen Sorgen und Nöten allein bleiben. Sicher gibt es auch in Ihrer Nähe verständnisvolle Menschen, die Ihnen in dieser schwierigen Zeit zur Seite stehen. Mögliche Ansprechpartner finden Sie z.B. bei der Stadt oder Gemeinde, Nachbarschaftshilfen, Kirchengemeinden und Selbsthilfegruppen.

Und:

  • Bleiben Sie optimistisch! Auch wenn es nicht immer danach aussieht: Mit jedem Tag dürfen Sie Ihrer Genesung ein kleines Stückchen näher rücken!!

Die Oxyvenierung ist bei Long Covid auf jeden Fall einen Versuch wert

Rund um Long Covid besteht nach wie vor großer Forschungsbedarf. Meines Erachtens sollte auch die Wirksamkeit der Oxyvenierung bei Long Covid unbedingt näher untersucht werden. Dafür sprechen der hohe Leidensdruck vieler Long-Covid-Patienten, die guten Erfahrungen mit der Oxyvenierung bei anderen Krankheitsbildern, die vergleichsweise moderaten Kosten und den Mangel an Alternativen. Daher ist die Oxyvenierung bei Long Covid auf jeden Fall einen Versuch wert.

Im Übrigen hoffe ich, dass durch das zahlreiche Vorkommen von Patienten mit Long-Covid-Symptomen nach einer nachgewiesenen Infektion die medizinische Forschung das Chronische Müdigkeitssyndrom (ME/CFS) – bisher stiefmütterlich behandelt –, das ja deutliche Parallelen zu Long Covid zeigt, ernster nimmt und die Forschungen hierzu intensiviert werden.

(1)    tagesschau.de vom 20.12.2021: Spätfolgen einer Corona-Infektion. Was über Long-Covid bekannt ist.
(2)    Patientenleitlinie 020 – 027p “Long-/Post-COVID-Syndrom", AWMF online, Nov. 2021

Autor/en dieses Beitrages:
Dr. med. Frank Jaschke, FA. für Innere Medizin aus Wiesbaden

Praxis Dr. Jaschke - Internistische Hausarztpraxis und Gemeinschaftspraxis

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