Vom kleinen Ich zum großen Selbst

Vom kleinen Ich zum großen Selbst

Bericht von der 42. Medizinischen Woche Baden-Baden. Vortragender: Prof. Dr. C. Eurich, Dortmund.
Professor Eurich als Kommunikationswissenschaftler wurde sicherlich zu der Vortragstagung Spirituelle Medizin eingeladen, um als Geisteswissenschaftler einen anderen Zugang zu dem Thema Vernetztes Denken und Handeln in der Medizin ...

Autor/en dieses Beitrages:
Kerstin Disse, Heilpraktiker/in aus Stuttgart

Vom kleinen Ich zum großen Selbst - Schritte in das transzentendale Zeitalter

„Alles was dir gegenübertritt, das bist du.“ (Albert Schweitzer)

Professor Eurich als Kommunikationswissenschaftler wurde sicherlich zu der Vortragstagung Spirituelle Medizin eingeladen, um als Geisteswissenschaftler einen anderen Zugang zu dem Thema Vernetztes Denken und Handeln in der Medizin (das Thema der diesjährigen medizinischen Woche) zu schaffen. Er beeindruckte zahlreiche Zuhörer durch seinen geschulten Geist und seine eloquente Art vorzutragen….

„Vernetztes Denken und Handeln in der spirituellen Medizin ist grundsätzlich disziplinär nicht einzugrenzen. Die Fragen: Was ist das Ich? Was ist das Selbst? Was ist Ganzheit? sind nur so zu beantworten: Wenn es einen Sinn in der menschlichen Existenz gibt, dann zu wachsen, zu transzendieren…(Transzendenz: Gebiet jenseits der Bewusstseinsgrenze). Im Folgenden geht Prof. Eurich auf die möglichen Antworten auf diese Fragen ein. „Menschen machen oft folgende Erfahrung: die Dinge kommen anders als wir sie planten…“ Das verunsichert, deshalb grenzen wir uns gerne ein, denn „Grenzen geben Stabilität und über Grenzen nähern wir uns unserer Identität an. Wir lernen, dass tugendhaftes Verhalten ohne Selbsterkenntnis nicht möglich ist. Nach Descartes verlagern wir daher unsere Konzentration auf das Denken ´res cognitans´. Nach der Evolutionsbiologie wiederum bedeutet ´Verstehen´ im universalen Lebensnetz, dass Natur und Kultur einzigartig und unverwechselbar sind. Die Neurobiologie versteht uns Menschen als täuschbare Individuen. Der kulturwissenschaftliche Ansatz sagt uns, dass Identitätsarbeit ein permanenter Prozess der Konstruktion von Sinn ist. Dabei erzeugen Rollen und Rollenzuweisungen und  die Vielfältigkeit von Rollen oft ein mehrfach in sich gespaltenes Selbst. Und dieses Selbst ist anfällig innerhalb der Kultur.  
All das zusammen ist jedoch für uns alle idenitätsformend und letztendlich gibt es keine diametrale Gegenüberstellung
von unterschiedlichen Ansätzen, geschweige denn, dass es einen wirklichen Unterschied macht, wenn es um Medizin/Heilung geht. „Es geht um ein integrales Verständnis – nichts ist richtig oder falsch!“

Vielfältigkeit

Die Moderne und die heutige Globalisierung zerteilt Personen (im intrapersonalen Sinne von Aufspaltung), gleichzeitig erreichen wir eine neue, höhere Bewußtseinsstufe, in der jegliche Trennung aufgehoben ist. Wir Menschen befinden uns heute in einem permanenten ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Wandel, in der wir uns neu entwerfen. Und: „ Die Erde wandelt sich auch. Alle bewegen wir uns in unterschiedlichen Realitäten und in virtuellen Bilderwelten und all dies müssen wir verarbeiten! D.h., Ungleichzeitiges wirkt gleichzeitig auf uns ein. Unser Muster von Bewältigung? Regression, Orientierung an alten Mustern, kindliche Vorstellungen vom Sein, Flucht in fundamentale Orientierung unter dem Aspekt der bewussten Erkenntnisverweigerung. Das zieht nach sich, dass für uns alles fremd wird und alles was fremd wird, wirkt oft als Bedrohung. Deshalb wehren wir uns…. Aber ein Verbleiben in alten Mustern macht keinen Sinn…diese Muster machen keinen Sinn (mehr)!
Der Ansatzpunkt, die Lösung liegt darin Bewusstseinskräfte und Energien zu stärken, sich zu informieren. Dies bedeutet, dass wir einen Auftrag haben, der nicht mehr aufgegeben werden kann. Wenn wir immer nur weiter an das eigene Ich, die eigene Religion , die eigen Kultur denken, dann wird uns das zum Verschwinden bringen…
Selbstreflexion. Jetzt und Heute: wir sind Teil des ganzen Universums; der Begriff des „interbeings“ aus dem Buddhismus macht uns unsere wechselseitige Verbundenheit mit dem Universum bewusst.

So wie Albert Schweitzer sagt:
ich bin Leben, das Leben will,
inmitten von Leben, das leben will.

Geist

Eurich weiter: „Wenn wir uns in einer Raumkapsel unserer Erde nähern würden, dann würden wir sehen, dass das, was aus der Ferne noch als große Flächen sichtbar sind, unsere Kontinente, dass diese zerteilt und zergliedert sind; Grenzen wurden gezogen, scheinbar willkürlich und nicht nur das, wir sähen auch, dass die Menschen sich in spirituellen Schrebergärten aufhielten….Wir aber besitzen doch das hohe Gut des Begreifens!
Die buddhistische Philosophie benennt zwei Formen des Leids: Das´Anhaften´der Menschen und das Nicht-Erkennen und auch, wenn wir das Christentum betrachten mit seinem herausragenden Zugang zum Geistigen,  finden wir folgendes Zitat von Matthäus: Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben werden, aber die Lästerung gegen den Geist wird nicht vergeben….“ U
nd Thomas von Aquin, der sich in vielem auf die Lehren des Aristoteles berief, nannte vier Tugenden: Gerechtigkeit, Klugheit, Maß und Tapferkeit unter denen er die Klugheit als oberste Tugend, als absolut hervorhob.“  
Nun hilft uns heute angesichts der Lage der gesamten Menschheit, allein die Klugheit nicht weiter, sondern: „…der Geist macht die Erfahrung, dass er Gott nicht denken kann; überwindet sich selbst und findet den kontemplativen (in sich versenken) Zugang zu einer Haltung des Empfangens. Zu einer Resonanzfähigkeit, dass wir spüren, dass wir berührt werden von etwas, das wir nicht begreifen können. Und im Sinne von Max Scheler (dt. Philosoph): ´Auch Gott ist ein Werdender.´, bringt uns unsere veränderte Verhaltensweise als Mensch zu Bewusstsein, dass wir Teil des Schöpfungsprozesses sind. Wir sind die, die der Veränderung und Entwicklung bedürfen und das wird uns auch zu einer neuen Solidarität führen…“ (gegenüber der Schöpfung und all dem was in ihr ist).

Unser Werdeschicksal

„Wo stehen wir? Wir befinden uns in einem Prozess zwischen Diesseits und Jenseits, erfahren Grenzen als Erdenbürger, sind gleichzeitig Wesen, die sich über uns hinaus entwickeln können. Wenn wir uns Menschen mit dem Symbol eines Baumes verbinden, dann hat unser ganzes Wesen Zugang zu Licht und Erde. Dieser Schritt (sich zum einen mit der Erde verbunden zu fühlen und ebenso mit Himmel und Licht verbunden zu sein) hat einen hohen Preis: die Aufgabe des Egozentrismus!
Kunst, Wissenschaft und Forschung haben der Menschheit Entwicklung gebracht und gleichzeitig die Zerstörung der menschlichen Rasse… Wir bringen die Anlagen für den Prozess des Werdens mit, nur blockieren uns die vielen Rollenbilder, in denen wir verhaftet sind und schwanken zwischen Autonomie und Heteronomie (Fremdgesetzlichkeit). Kant vergleicht das mit einem Billardspiel: Heteronomie ist die Kugel, Autonomie, das ist die Hand, die die Richtung vorgibt. D.h. wir müssen zumindest um unsere Grenzen wissen  und der Rest ist Potentialität.
Wer aber aus dem kleinen Ích´ nur zum entgrenzten Selbst findet, der bleibt in einem Bewusstsein verhaftet, das spätpubertär ist. Da wird Abgrenzung, Anderssein und Eigenstilisierung betont.“  Das ist das, was wir vielfach, v.a. bei Konflikten weltweit, aber auch bei individuellen Konflikten beobachten können. (Anmerk. d. Red.) „Die höchste Form der Bedrohung für einen Grenzen wahrnehmenden und über die eigenen Potentiale bewussten Menschen jedoch, ist die Trägheit. Das traurig depressive Verharren im Sein der Welt. Die eigene Größe nicht sehen können oder so wie Kierkegaard (dänischer Existenzphilosoph)  es ausdrückt: ´Der Mensch will verzweifelt nicht er selbst sein. ´ und wir scheitern. Scheitern und Ohnmacht sind jedoch von uns dämonisierte Begriffe, die der Überwindung bedürfen. Was heißt denn Ohnmacht? Ohne Macht sein, das ist eine Grenzerfahrung! Es gibt Wege aus der Ohnmacht! Kein Erlebnis beinhaltet ein finales Scheitern, es zeigt uns nur: so geht es nicht mehr weiter.“

Ausblick

„Es gibt für uns nie eine Rettung, auch kein Zurück, nur ein Hindernis und das Wissen, wohin wir wollen…“ Eurich bringt in diesem Zusammenhang Martin Buber, den jüdischen Religionsphilosophen ins Spiel und das „Wohin wir wollen“ verbindet er mit der Metapher von den „Drei Toren“. Tor als Sinnbild für Bewusstseinserweiterung, durch das der Mensch hindurchgehen kann, um zu weiterer Erkenntnis zu gelangen:
„ 1.) Das Tor der Sehnsucht: ist unermesslich, und so wie Novalis sagt: Wir sitzen am Tisch der Sehnsucht, der nie leer wird. 2.) Das Tor der Zeit“, dabei unterteilt Eurich die Zeit in verschiedene Begrifflichkeiten, wie es in der Antike üblich war: „Aion – bedeutet der ´Zeitbogen´; etwas hat ein Anfang und ein Ende. Chronos: das ist die messbare Zeit, die quantitative Zeit, die zum einen zur ´Versklavung´und zum anderen Organisation ermöglicht; eine Gottheit, die ihre eigenen Kinder frisst und zum Dritten, Kairos: die qualitative Zeit; Gottheit des Moments, des Glücks, der Chance. Es kommt Bewegung ins Spiel, das Ewige bricht in das Zeitliche ein – Jeder Moment enthält alle Ewigkeit….
Und dann das dritte Tor: das Tor der Kontemplation: Besinnung, Innehalten, das Sichversenken in den Moment. Das ist der innere Weg der Reinigung. Das Einüben zur Hingabe, das Loslassen-Können und damit das Denken durchbrechen, die Lösung von Zeitkoordinaten. Diese Wahrnehmungsschulung, die kontemplative Schulung ist besonders für Therapeuten von enormer Bedeutung; eine starke Durchlässigkeit zu besitzen..“, die Möglichkeiten für Heilung Raum gibt.
 
Am Schluss die Zusammenfassung von Eurich:

 „Der Mensch ist keine Krankheit und er lebt auch nicht am Rande des Universums, sondern im Mensch kommt das Universum zum Bewusstsein seiner selbst, wir sind Potentialität, wir sind Schönheit in Entwicklung!“

Vortragender: Prof. Dr. C. Eurich, Dortmund

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