Lebenskrisen als Entwicklungschance

Lebenskrisen als Entwicklungschance

Dr. med. Ruediger Dahlke ist bekannt als Arzt und Buch-Autor. Seit 1978 ist er als Psychotherapeut, Fastenarzt und Seminarleiter tätig. Seit 1989 leitet er das Heil-Kunde-Zentrum für Psychotherapie, ganzheitliche Medizin und Beratung in D-84381 Johanniskirchen zusammen mit seiner Frau Margit. Er hält Seminare und Ausbildungen in ...

Autor/en dieses Beitrages:
Dr. med. Ruediger Dahlke, aus Gamlitz

Einführung

Dr. med. Ruediger Dahlke ist bekannt als Arzt und Buch-Autor. Seit 1978 ist er als Psychotherapeut, Fastenarzt und Seminarleiter tätig. Seit 1989 leitet er das Heil-Kunde-Zentrum für Psychotherapie, ganzheitliche Medizin und Beratung in D-84381 Johanniskirchen zusammen mit seiner Frau Margit. Er hält Seminare und Ausbildungen in Psychosomatik (Archetypische Medizin), Atem- und Psychotherapie, Fasten und Bilder-Meditation, Wassertherapie. Man kennt ihn aus Vorträgen und Firmen-Trainings im deutschsprachigen Raum und in Italien.

Von der Namensschöpfung "Midlife-Crisis" und der nicht unproblematischen  gynäkologischen Modeerscheinung, die Wechseljahre mit Östrogenen zu kaschieren, abgesehen, gibt es von der Schulmedizin bisher kaum Beiträge zur Bewältigung der Lebenskrisen.  Wobei die Hormongaben auch schon wieder passee sind, da sie – wie neuere Untersuchungen sehr klar belegen – eine Flut von Brustkrebserkrankungen heraufbeschworen haben. Dass die Schulmedizin hier so wenig zu bieten hat, ist besonders bedauerlich, da es wohl zu keiner Zeit so viele Probleme mit den "Wechselfällen" des Lebens gab wie in der modernen Wohlstandsgesellschaft. Von der Geburt über Pubertät und Midlife-Crisis bis zum Tod begegnen wir den Übergängen des Lebens mit beeindruckender Hilflosigkeit.  Geburten haben wir nicht nur in Krankenhäuser verlegt, sondern zu wirklichen Krankheitsbildern gemacht, Pubertierende werden mangels funktionierender Rituale sich selbst überlassen und müssen versuchen, mit Ersatzritualen ins Reich der Erwachsenen hinüberzugelangen, die Krise der Lebensmitte wird medikamentös "abgeschafft" und wo das nicht möglich ist, als Krankheit angesehen. Die letzte große Krise des Lebens, den Tod, erlebt die Mehrzahl der Menschen dieser Gesellschaft auf Gängen und in Badezimmern überforderter Kliniken.

Mangel an Ritualen

Ein wesentlicher Grund für diese auf den ersten Blick erschreckende, auf den zweiten aber typische Situation, liegt in unserem Mangel an funktionierenden Ritualen. Der tiefere Grund dafür wiederum ist in der Tatsache zu suchen,
dass wir aufgehört haben, eine Kultur im engeren Sinne des Wortes zu sein. Tatsächlich ist uns der verbindliche und notwendige Kult längst abhanden gekommen.
Immer weniger moderne Menschen sind so in ihrer Religion verankert, dass ihnen Konfirmation oder Firmung helfen, erwachsen zu werden oder die Sterbesakramente den Übergang in die jenseitige Welt ebnen.
Unsere Gesellschaft bildet sich auf diesen Mangel an Ritual und Kult sogar einiges ein, glaubt sie doch damit Aberglauben und Abhängigkeit von irrationalen Mächten zu überwinden. Diesbezüglich fällt allerdings dem aufmerksamen Beobachter auf, dass die entsprechenden Rituale lediglich in unbewußte Bereiche gedrängt wurden und in der Schattenwelt ein recht wirksames Unwesen treiben.
Unbewusste Rituale umgeben uns überall
Manchmal wird das Auto nicht nur einmal abgeschlossen, sondern ebenso wie die Wohnung auf dem Boden von Kontrollzwängen gleich mehrfach. Aber auch in offiziellen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens haben sich Rituale erhalten: Vor Gericht schlüpfen auch außerhalb der Faschingszeit Erwachsene, zumeist männlichen Geschlechts, in Kleider , die Macht symbolisieren und sprechen in diesem Gewand Recht. Polizisten in ihren Uniformen gelten auch aufgrund ihrer Kleidung als „Hüter des Gesetztes“. Letztendlich jede Uniform symbolisiert ein Ritual der Macht, das eine hierarchische Ordnung manifestieren soll.

Die Medizin steckt ebenfalls voller Rituale. Aus einem guten Arzt lässt sich noch immer ein ganz guter Schamane machen, statt Kristallen werden heute lediglich Stethoskope aufgelegt.

Ein guter Hausarzt legt vielleicht nicht mehr die Hände auf, aber er berührt seine Patienten nach wie vor in beeindruckender Weise. Wenn er sie zu ihrem Wohl verletzen muss (Blutabnahme, Injektionen), streicht er vorher mit „magischen Strichen“ über die betreffende Stelle. Das bisschen Alkohol an seinem Tupfer bringt dabei nachweislich keine hygienischen Vorteile. Reden und Zeichen wirken beruhigend, und sind wie eh und je undurchschaubar geheimnisvoll. Ohne Rituale könnte die normale Praxis wohl kaum funktionieren.

Ähnlich ist es mit dem sterilen Weiß des Klinikpersonals, bei dem es keine Ausnahme geben darf. Hygienische Gründe sprechen nicht mehr für Weiß als für Gelb. Warum also weltweit Weiß?
Hat es vielleicht doch damit zu tun, dass auch der Papst Weiß trägt, wie auch die meisten Gurus? Brauchen auch die Halbgötter in Weiß Ritualgewänder für ihre heimlichen Rituale und wollen es nur nicht zugeben? Ist Weiß aus dem Medizinerleben nicht wegzudenken, weil es alle anderen Farben in sich vereint und damit die Farbe der Ganzheit und Vollkommenheit ist?

Die größere Chance läge darin, sich ihrer bewusst zu bedienen, anstatt zu versuchen, sie abzuschaffen und dabei in den Schattenbereich zu drängen. Dazu aber bedürfte es eines Blickes für die Bedeutung entsprechender Symbolik.

Übergänge des Lebens

Nirgendwo wird der Mangel an Ritualen so deutlich wie bei den Übergangskrisen des Lebens. Sie sind die Muster, die das Leben einer Gesellschaft in der Tiefe bestimmen und sie sind die sicherste Möglichkeit den Übertritt in neue Sphären des Lebens zu ermöglichen. Mögen uns Pubertätsrituale so genannter Primitiver auch schrecklich anmuten, brachten sie doch immerhin Erwachsene hervor. Die bei uns um sich greifenden Ersatzrituale sind dazu nicht in der Lage, weil ihnen Bewusstheit von beiden Seiten fehlt. Abgeschafft haben wir lediglich die Vorteile der alten Rituale, die Nachteile haben wir behalten und durch den Mangel an Bewusstsein noch verstärkt.

Pubertät

Wer Vollmitglied einer Autogesellschaft werden will, muss als eigentliche Reifeprüfung die Führerscheinprüfung ablegen. Danach ziehen nicht wenige junge Leute aus, auf den Straßen das Fürchten zu lernen. Die eigenartigen Unfallkonstellationen im ersten Führerscheinjahr sprechen diesbezüglich eine deutliche Sprache. Wer als Geisterfahrer absichtlich die falsche Autobahnseite wählt, Geschwindigkeitsrekordversuche auf öffentlichen Straßen veranstaltet oder wer gar aufs Dach fahrender S-Bahnzüge springt, muss offenbar sich und der Welt etwas beweisen. Wer Horrorfilme freiwillig anschaut, hat offensichtlich einen Bedarf an Angst und Schrecken.

Als diese Themen noch rituell eingebunden in den jeweiligen Kult bearbeitet wurden, waren die Übergänge ins Erwachsenenleben letztlich ungefährlicher und vor allem vollständiger zu bewältigen.

Heute werden die alleingelassenen Jugendlichen eher zu Dauerrasern, Hasardeuren, Horrorfilmfans oder Kettenrauchern, um noch ein weiteres Pubertäts-Ersatz-Ritual zu streifen. Auf dem Boden dieses nicht funktionierenden Überganges von der Jugendzeit ins Erwachsenenalter sind wir zu einer Art Kindergesellschaft geworden, die sich ein wachsendes Heer von Psychotherapeuten hält, das u.a. davon lebt, mit erwachsenen Klienten Pubertät zu üben. Eltern bilden sich heute nicht selten etwas darauf ein, wenn ihre "erwachsenen Kinder" noch mit dreißig und schon mit akademischen Würden bekleidet, Zuhause wohnen. Wir tun den Raben unrecht, wenn wir sie in Form der Rabeneltern verteufeln. Raben erkennen lediglich die Zeichen der Zeit und werfen Nesthocker beizeiten hinaus, zum Wohl der Alten und der Jungen.

Lebensmitte

Kläglicher noch wird das Bild in der Krise der Lebensmitte. In Unkenntnis des urprinzipiellen Lebensmusters, das alle so genannten primitiven Kulturen in der Form des Mandalas (a.d. Sanskrit: „Kreis“) erkennen, und einem beispiellosen Jugendkult verfallen, versuchen wir diese Schwelle zu ignorieren und zu bekämpfen.

Statt sich auf den von allen Religionen anempfohlenen Heimweg der Seele vorzubereiten und die Fruchtbarkeit von der körperlichen auf die geistig-seelische Ebene zu verlegen, versuchen wir um jeden Preis, uns an die verlorene Jugend zu klammern.

Die eindeutigen Zeichen von Körper und Seele werden dabei geflissentlich übersehen. Ganz offenbar geht es um eine Abwendung von den bisherigen vor allem „im Außen“ liegenden Lebensthemen und darum, sich bezüglich äußerer Aufgaben und Verpflichtungen zu erleichtern.

Die verstärkte Osteoporose in dieser Zeit ist lediglich ein Zeichen, dass der Körper diese Aufgabe in einseitiger Weise übernehmen muss.

Ihm mittels Östrogengaben vorzumachen, er sei noch gar nicht in den Wechseljahren, hat auf der seelischen Ebene die fatale Nebenwirkung, den Entwicklungsweg im übertragenen Sinne zu blockieren.

Das Sterben

Die letzte große Lebenskrise, das Sterben, wird von unserer überdimensionalen Angst vor dem Tod überschattet.

Am liebsten würden wir vergessen, dass wir sterblich sind.

Vor der Tatsache, dass mit unserem ersten Atemzug nichts so sicher ist, wie unserer letzter, verschließen wir mit Nachdruck die Augen. Anstatt den Tod als Ziel des Lebens zu begreifen und uns angemessen darauf vorzubereiten, ziehen wir es vor, ihn bis zum letzten Atemzug zu bekämpfen und dann notgedrungen als Niederlage zu erleben. Wo die Aufgabe des Priesterarztes in archaischen Kulturen erst richtig beginnt, wenn es gilt der Seele in diesem Übergangsstadium beizustehen, legen moderne Ärzte ihre Waffen nieder und wenden sich ab. Eigentlich wissen wir als Ärzte überhaupt nichts vom Tod, können ihn nicht im Ansatz verstehen, weil wir ihn nur als Feind kennen lernen, den es zu besiegen gilt. Diese Haltung macht nicht nur, aber besonders Ärzte, zu chronischen Verlierern. In diesem Sinne lassen sich noch eine Fülle eigenartiger Widersprüche und Missverständnisse im Zusammenhang mit den Übergangskrisen des Lebens aufzeigen. Am Ende solcher Betrachtung wird sich die befremdliche Einsicht aufdrängen, dass bezüglich dieses Themas

nicht die Primitiven sich primitiv verhalten, sondern wir und dass es hohe Zeit wird, den Übergängen des Lebens wieder unsere Aufmerksamkeit zu schenken und die Lebenskrisen als Entwicklungschancen zu begreifen.“

siehe auch www.dahlke.at

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