Die Psyche beim unerfüllten Kinderwunsch

Dr. Wischmann zeigt in diesem Film, welche Zusammenhänge wirklich zwischen unerfülltem Kinderwunsch und Psyche bestehen und was in den Bereich der Mythen verbannt werden kann.

Autor/en dieses Beitrages:
PD Dr. Dipl.-Psych. Tewes Wischmann, aus Heidelberg

Einführung

Die Zahl der Paare mit unerfülltem Kinderwunsch steigt stetig an. Viele dieser Paare leiden auch psychisch erheblich unter dem unerfüllten Kinderwunsch. Nicht nur der unerfüllte Kinderwunsch an sich, auch die reproduktionsmedizinische Therapie kann mitunter sehr belastend für Paare mit unerfülltem Kinderwunsch sein. Umgekehrt muss die Psyche immer wieder als Ursache und Erklärung für den unerfüllten Kinderwunsch herhalten. Ganz nach dem Motto: „Wenn Du dich nicht so in den Kinderwunsch hineinsteigern würdest, wärst Du schon längst schwanger geworden“.

Dr. Wischmann vom Institut für Medizinische Psychologie des Universitätsklinikums Heidelberg beschäftigt sich seit Jahren mit psychologischen Aspekten bei Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch. Er zeigt Ihnen welche Bezüge es wirklich zwischen Psyche und unerfülltem Kinderwunsch gibt und welche Zusammenhänge wohl eher in das Reich der Mythen und Legenden gehören.

Ungewollte Kinderlosigkeit ist zwar deutlich seltener als gewollte Kinderlosigkeit, sie wird aber an Bedeutung zunehmen. Dieses liegt an erster Stelle daran, dass der Kinderwunsch immer weiter auf ein höheres Lebensalter der Frau verschoben wird: Im Schnitt bekommt in Deutschland eine Frau inzwischen mit 30 Jahren ihr erstes Kind. Mit dem Alter der Frau sinkt allerdings die Chance auf eine (erfolgreich ausgetragene) Schwangerschaft, so dass wir von einer weiteren Zunahme ungewollter Kinderlosigkeit ausgehen müssen (Wischmann 2008). Trotzdem ist der unerfüllte Kinderwunsch häufig noch ein Tabuthema, um dass sich auch noch viele Vorurteile und Mythen ranken. Zu den Mythen gehört die Rolle der Psyche bei unerfülltem Kinderwunsch, die im Laienverständnis häufig noch magisch anmutet: „Wenn Du dich nicht so in den Kinderwunsch hineinsteigern würdest, wärst Du schon längst schwanger geworden“. Welche Erkenntnisse zu dieser Rolle gesichert sind, soll im Folgenden aufgezeigt werden.

Psyche als Ursache

Nach der aktuellen Leitlinie „Psychosomatisch orientierte Diagnostik und Therapie bei Fertilitätsstörungen“ liegt eine psychogene bzw. psychisch mitbedingte Fertilitätsstörung dann vor, wenn

  • ein Paar trotz Aufklärung durch den Arzt weiter ein die Fruchtbarkeit schädigendes Verhalten praktiziert, z.B. Ernährungsweise -– vor allem Über- bzw. Untergewicht und Essstörungen –, Hochleistungssport, Genussmittel- bzw. Medikamentenmissbrauch, extrem beeinträchtigender beruflicher Stress (wie z. B. Wechselschichtarbeit beider Partner),
  • ein Paar keinen Geschlechtsverkehr an den fruchtbaren Tagen hat bzw. eine nicht-organisch bedingte sexuelle Funktionsstörung vorliegt bzw.
  • ein Paar eine aus medizinischer Sicht notwendige Kinderwunschtherapie zwar bewusst bejaht, diese dann aber -– auch nach langer Bedenkzeit –- doch nicht beginnt, also beispielsweise die Tubendurchgängigkeitsprüfung oder die Spermiogrammerstellung immer wieder aufschiebt.

Nach dem jetzigen Stand der Wissenschaft beeinflusst also nicht eine irgendwie geartete (bewusste oder unbewusste) konflikthafte Einstellung zur Schwangerschaft, zum gewünschten Kind oder zur Elternschaft direkt die Fertilität negativ, sondern nur entsprechend die Fertilität schädigende oder einschränkende Verhaltensweisen. Bei ungefähr 5 bis (maximal) 10 Prozent aller Paare liegt eine psychisch (mit)bedingte Fertilitätsstörung vor.
Psychischer Stress hingegen spielt – solange keine Kriegszeiten herrschen – entgegen der Annahme vieler Laien (und auch entgegen der Aussage einiger Kinderwunschratgeber) bei unerfülltem Kinderwunsch so gut wie keine Rolle (Wischmann 2010). In einer aktuellen Meta-Analyse (Boivin et al. 2011) wurden 14 prospektive Studien (mit insgesamt 3.583 infertilen Frauen) bezüglich deren Ängstlichkeit und Depressivität vor einem Behandlungszyklus mit ART und dem Behandlungsausgang („schwanger“ bzw. „nicht schwanger“) ausgewertet. Die Autorinnen kamen zu dem eindeutigen Ergebnis, dass emotionaler Disstress der Frauen vor Behandlungsbeginn nicht mit einer möglicherweise eintretenden Schwangerschaft in Verbindung zu bringen war. Schlussfolgerung dieser Meta-Analyse war, „dass die Ergebnisse dieser Meta-Analyse Frauen und Ärzte beruhigen sollten, dass emotionaler Disstress – hervorgerufen durch die Fruchtbarkeitsproblematik oder andere Lebensereignisse im Zusammenhang mit der Behandlung –, die Chance schwanger zu werden nicht beeinträchtigen würde“ (a.a.O.).

Psychische Belastung

Unerfüllter Kinderwunsch belastet die Psyche

Nach einer vielzitierten Studie gaben knapp die Hälfte der befragten Frauen und ca. ein Fünftel der Männer an, dass die Phase der ungewollten Kinderlosigkeit zu den schlimmsten Erfahrungen des Lebens bisher gehörte. Viele Frauen setzen die Auseinandersetzung mit dem unerfüllten Kinderwunsch gleich mit dem Verlust eines nahe stehenden Angehörigen oder einer sehr ernsthaften körperlichen Erkrankung. Den Ratschlag, den unerfüllten Kinderwunsch nicht so ernst zu nehmen, können die wenigsten ungewollt Kinderlosen annehmen. Häufig stellt der unerfüllte Kinderwunsch eine existenzielle Krise für beide Partner dar. Nur bei wenigen Frauen bzw. Paaren entwickelt sich aus dem unerfüllten Kinderwunsch eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung, also bspw. eine Depression. In der Regel ist die Kommunikation in der Partnerschaft und im sozialen Netzwerk (Freundinnen, Herkunftsfamilie) ein ausreichender Schutz vor einer depressiven Entwicklung. Wenn der unerfüllte Kinderwunsch allerdings alles dominiert und das Leben „außerhalb“ des Kinderwunsches kaum noch attraktiv erscheint, sollte eine professionelle psychosoziale Kinderwunschberatung erwogen werden (s. z. B. www.bkid.de).
Ging die Forschung bisher davon aus, dass sowohl der Kinderwunsch als auch die Belastung durch den unerfüllten Kinderwunsch bei der Frau deutlich stärker ausgeprägt ist als beim Mann, zeigen neuere Studien, dass die Unterschiede zwischen den Partnern tatsächlich eher gering sind. Männer haben aber häufig nicht die Übung darin, über ihre (auch „negativen“) Gefühle zu sprechen. So kann es im Paar zu einer Rollenverteilung kommen, in der die Frau überwiegend die emotional Belastete ist, während der Mann den optimistischen und zukunftsorientierten Part übernimmt. Damit es da nicht zu einer zu starken Polarisierung innerhalb der Partnerschaft kommt, ist es ganz wichtig, dass beide Partner zum unerfüllten Kinderwunsch im Gespräch bleiben.

Psychische Belastung durch Therapie beim unerfüllten Kinderwunsch

Die reproduktionsmedizinische Therapie kann organisatorisch und finanziell belastend sein, häufig auch emotional, hierbei insbesondere für die Frau. Sie nimmt in der Kinderwunschtherapie das Meiste auf sich, von der invasiven Diagnostik einer Bauchspiegelung über das zum Teil tägliche Spritzen von Hormonen bis zum Transfer befruchteter Eizellen in die Gebärmutter und das anschließende bange Warten auf den Erfolg (oder Misserfolg) der Behandlung. Hier hat sich der Begriff der „Achterbahn der Gefühle“ als sehr zutreffend erwiesen, das Hoffen auf den Eintritt einer Schwangerschaft, nicht selten gefolgt von der Enttäuschung spätestens beim Wiedereintritt der Monatsblutung. Insgesamt wird die reproduktionsmedizinische Therapie als emotional so belastend erlebt, dass ein Teil der Paare mit unerfülltem Kinderwunsch aus diesem Grund nicht alle empfohlenen Behandlungszyklen wahrnimmt. Viele Paare erleben auch eine – meist vorübergehende – Beeinträchtigung ihres Sexuallebens (Wischmann 2009a).
Das Erlernen von Entspannungstechniken – wie z. B. autogenes Training, progressive Muskelentspannung, Yoga – kann zwar zur Bewältigung des unerfüllten Kinderwunsches und der reproduktionsmedizinischen Behandlung in der Regel betroffenen Frauen (und ihren Partnern) empfohlen werden. Eine Erhöhung der Schwangerschaftswahrscheinlichkeit ist davon aber nur in sehr seltenen Fällen zu erwarten (Wischmann 2009b). Auch Paare mit unerfülltem Kinderwunsch müssen sich damit auseinandersetzen, dass mit ihrem Leid und ihrer Hoffnung ein Geschäft gemacht wird, in dem Interventionen empfohlen werden, deren Effektivität aus wissenschaftlicher Sicht teilweise mehr als strittig ist.

Therapie

Schulmedizin bei unerfülltem Kinderwunsch

Üblicherweise findet zunächst eine gründliche Diagnostik bei beiden Partnern statt, also Hormonbestimmungen und Zyklusmonitoring (Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke um die Zeit des Eisprungs) bei der Frau und Spermiogramm beim Mann. Ergibt sich kein auffälliger Befund, wird meist zum gezielten Geschlechtsverkehr (unter Bestimmung der fruchtbaren Tage der Frau) geraten. Kommt es nach einigen Zyklen immer noch nicht zur Schwangerschaft, sollte eine Untersuchung der Eileiter auf Durchlässigkeit erfolgen. Liegt eine entsprechende medizinische Indikation vor, und erklärt sich das Par mit diesem Vorgehen einverstanden, werden in der Regel folgende reproduktionsmedizinische Verfahren durchgeführt:

  • Intrauterine Insemination (IUI). Das Einbringen von Sperma in die Gebärmutter mittels Katheter nach Hormonstimulation der Eierstöcke.
  • In-vitro-Fertilisation (IVF). Nach Hormonstimulation punktierte Eizellen werden mit Sperma in der Petrischale kultiviert. Nach einigen Tagen im Brutschrank werden zwei bis maximal drei befruchtete Eizellen wieder in die Gebärmutter eingesetzt (Rücktransfer).
  • Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI). Punktion und Rücktransfer wie bei der IVF, dazwischen Mikroinjektion eines einzelnen Spermiums in die Eizelle.

Nicht überschätzt werden sollten die Erfolgsaussichten der assistierten Reproduktion: Der Prozentsatz der Lebendgeburten (»Baby-take-home«-Rate) liegt pro abgeschlossenem IVF- bzw. ICSI-Zyklus in Deutschland im Durchschnitt (über alle Indikationen, alle Altersgruppen der Frauen und alle reproduktionsmedizinischen Zentren) unter 20 %. Nach drei Behandlungszyklen bleibt damit mehr als die Hälfte der Paare weiterhin kinderlos.

Naturheilkundliche Behandlung bei unerfülltem Kinderwunsch

Sollte bei einem der Partner ein klarer organischer Befund vorliegen (oder bei beiden Partnern), wird eine alternativmedizinische Behandlung bei unerfülltem Kinderwunsch alleine in der Regel nicht ausreichen. Gleiches gilt beim Vorliegen einer psychogenen Fertilitätsstörung wie oben beschrieben. Bei leichten Fruchtbarkeitsstörungen oder bei medizinisch ungeklärter Infertilität können natürlich auch alternativmedizinische Verfahren zur Anwendung kommen, solange die „biologische Uhr“ bei der Frau nicht zu laut „tickt“. Ob und unter welchen Umständen naturheilkundliche Interventionen ergänzend zur schulmedizinischen Behandlung eingesetzt werden können, bedarf im Einzelfall immer der Absprache mit dem behandelnden Arzt. Ausführliche naturheilkundliche Tipps, z. B. zu Ayurveda und zu traditioneller chinesischer Medizin in der Behandlung bei unerfülltem Kinderwunsch, finden sich in den Büchern von Uta König, von Annemarie Schweizer-Arau sowie von Zora und Wilhelm Gienger. [Hier kommen Sie zu unseren Buchtipps bei unerfülltem Kinderwunsch.] [Mehr zur Naturheilkunde bei unerfülltem Kinderwunsch finden Sie hier.]

Was Sie selbst tun können

Eine gründliche medizinische Diagnostik sollte rechtzeitig erfolgen: Nach einem Jahr „Übens“ (ungeschützter Geschlechtsverkehr während der fruchtbaren Tage der Frau) – bei Frauen ab dem 35. Lebensjahr bereits nach sechs Monaten – sollten sich beide Partner in einem auf Kinderwunsch spezialisierten Zentrum untersuchen lassen. Auch wenn manche Frauenärzte zum Abwarten raten: Sollten beide Eileiter verschlossen sein bzw. das Spermiogramm dauerhaft stark eingeschränkt, ist eine Schwangerschaft auf natürlichem Wege sehr unwahrscheinlich. Ergibt die Diagnostik keinen auffälligen Befund, kann das Paar sich natürlich noch weiter Zeit lassen.

Ernährung bei unerfülltem Kinderwunsch

Wie in fast allen Bereichen ist eine gesunde und ausgewogene Ernährung auch beim Kinderwunsch wichtig. Wie weiter oben beschrieben, verringert sich die Chance auf einen Schwangerschaftseintritt sowohl bei starkem Untergewicht als auch starken Übergewicht der Frau. Inwieweit sich die Samenqualität durch eine gesunde Ernährung positiv beeinflussen lässt, ist noch strittig. Unstrittig ist allerdings der schädliche Einfluss des Rauchens auf die Fruchtbarkeit, sowohl beim Mann als auch bei der Frau.

Bewegung bei unerfülltem Kinderwunsch

Regelmäßige Bewegung und Sport – sofern nicht Leistungssport –, nach Möglichkeit im Freien, ist der Fruchtbarkeit zuträglich und hilft auch bei der Ablenkung vom unerfüllten Kinderwunsch. Den Sport kann jeder für sich machen (z. B. Joggen oder Schwimmen gehen), oder auch mit Partner/in (z. B. Tanzen, Wandern). Besuche im Fitnessstudio sind bei Kinderwunsch nicht zu empfehlen. Noch eine Anmerkung dazu: Anabolikaeinnahme verschlechtert das Spermiogramm dramatisch.

Innere Einstellung bei unerfülltem Kinderwunsch

Eine gängige Formel lautet: „Dem Kinderwunsch Raum geben und ihn begrenzen“. Das bedeutet, als Paar immer in Kontakt zu bleiben mit diesem Thema, dabei aber das Leben „außerhalb des Kinderwunsches“ nicht aus den Augen zu verlieren. In den meisten Fällen ist es sinnvoll, gemeinsame „Fahrpläne“ zum weiteren Vorgehen in der Kinderwunschbehandlung zu erstellen, um die verschiedenen Optionen nicht wiederholt durchdiskutieren zu müssen. Sicherlich ist es auch sinnvoll, nach den eigenen Ressourcen zu schauen und diese zu pflegen, also „wo lade ich meine Batterien auf?“ Eine Kinderwunschbehandlung sollte auch nicht zu einer Zeit größerer Veränderungen geplant werden, also bspw. während eines Arbeitsplatzwechsels oder eines Umzugs in eine andere Stadt. Die medizinische Behandlung ist meistens so aufwändig, dass sie alleine „Baustelle“ genug ist. Aufgrund der bereits genannten Erfolgsaussichten der assistierten Reproduktion ist es sicherlich sinnvoll, von Beginn an „Plan B“ bei unerfülltem Kinderwunsch mit einzubeziehen. So hat ihn das Paar in der Schublade, wenn er notwendig sein sollte. Bei erfolgreicher Behandlung – dem Wunschkind – kann er getrost in der Schublade bleiben.

Redaktion: Dr. rer. nat. Inge Ziegler

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