INTERVIEWSERIE

Ganzheitlich nachgefragt

Professionelle Hilfe bei TrennungIm Gespräch mit Astrid von Friesen

Trennung – was hilft?

Für immer glücklich als Paar zusammen! Das wünschen sich fast alle Menschen. Doch in Deutschland stehen die Chancen für verheiratete Paare gerade mal 50:50, denn jede zweite Ehe wird geschieden. Wenn die Beziehung nicht hält, ändert sich schlagartig alles. Trennungen oder Scheidungen gehören zu den schmerzhaftesten Erfahrungen in einer Biografie. Selbst wenn es schon einen neuen Partner geben sollte, steht der Alltag mit und ohne Kinder auf dem Kopf und es gibt ein Gefühlschaos, das jeden Aspekt des Lebens beeinflusst. Wäre es da nicht besser vorzusorgen, damit es gar nicht so weit kommt? Oder gibt es wenigstens so etwas wie eine „gute Trennung“?

Mit der erfahrenen Paartherapeutin Astrid von Friesen unterhielten wir uns zu diesem Thema.

Über Astrid von Friesen

Astrid von Friesen studierte Psychologie und Soziologie in Hamburg und ist als beratende Journalistin und Radio-Kommentatorin für das Deutschlandradio Kultur & den MDR tätig. Seit 1997 arbeitet sie als Integrative Gestalt-, Paar- und Trauma-Therapeutin (HPG) in Dresden und Freiberg. Sie ist vielfache Buchautorin, leitet die Supervisionen an sächsischen Lehrkrankenhäusern und lehrt an der TU Bergakademie Freiberg.

Kontakt & weitere Infos

Liebe Frau von Friesen, Paar- & Eheprobleme gibt es immer und überall. Doch woher weiß ich, wann es sich zu kämpfen lohnt und wann die Zeit für eine Trennung gekommen ist?

„Ich gehe davon aus, dass wir unsere Partner zu 70–80 % unbewusst aussuchen. Nur 20–30 % sind uns bewusst. In unserer Partnerwahl liegt schon ein Großteil unseres Beziehungs- oder Eheglückes bzw. -unglücks begründet. Wir neigen alle dazu, bei Streit die Schuld dem Partner/in zuzuschieben und nicht selbst die Verantwortung zu übernehmen. Stellen Sie sich jede Beziehung wie ein Tennisspiel vor: Ich trage zum Gelingen meine 50 % Verantwortung bei, bin jedoch auf meinem eigenen Spielfeld voll verantwortlich für mein Lebensglück, meine gute oder schlechte Laune und für meine Beziehungsfähigkeit. Und, ganz wichtig: Ich kann den anderen auf seinem Spielfeld nicht verändern! Und er mich ebenso wenig.

Deshalb meine erste Frage, weshalb das Unterbewusstsein gerade diesen Partner ausgewählt hat? Oft fällt unsere Wahl auf diejenigen, die entweder sehr ähnlich oder sehr unähnlich zu unserem gegengeschlechtlichen Elternteil sind. Dies hat also mit den frühsten Beziehungserfahrungen zu tun. Ebenso wichtig ist die Geschwisterkonstellation und auch die „emotionale Sprache“, die wir als Kinder gelernt haben. – Hilfreich ist auch die Frage, was ich an der anderen Person lernen darf?

Wenn es langfristig Beziehungsprobleme gibt, denken viele, dass ihr Partner einfach nicht passt und suchen sich einen neuen. Aber wir wissen, dass es mit dem anderen Partner oftmals auch nicht besser wird, wenn die eigene 50-prozentige zwischenmenschliche Verantwortung nicht reflektiert wurde.

Denn es gibt Menschen, die sich wiederholt schwer gestörte oder untreue bzw. süchtige Menschen aussuchen. Was ist also mein eigenes Muster? Und was biete ich auf meinem Spielfeld an Partnerqualitäten selbst an?“

Online-Beratung

Sollte ich dann lieber an meiner Beziehung arbeiten, als mich zu trennen?

„Das kann man nur individuell für sich selbst entscheiden. Doch ist zu bedenken, dass man möglicherweise die gleichen Fehler mit dem nächsten Partner macht. Besonders bei nahtlosen Übergängen hoffen viele, mit dem neuen Partner wird alles anders. Dieses Gefühl basiert jedoch zunächst nur auf dem anfänglichen, hormonell bedingten Verliebtheitsrausch. Und jeder Rausch hat ein Ende!

Wenn in der Ehekrise schon ein Dritter vorhanden ist, gehört harte Arbeit und viel Verzeihen dazu, diesen Riss zu kitten. Denn der alte Partner wird natürlich als stressig empfunden, während man sich mit dem Neuen auf Wolke 7 befindet. Deshalb sollten Ehekrisen, Unzufriedenheiten, Missverständnisse so früh wie möglich bearbeitet werden. Oder: Alle sieben Jahre zum Ehe-TÜV, um Altes aufzuräumen und neue Impulse und Verständnis zu pflanzen!

Sinnvoll wäre es, vor der Ehe Vorbereitungsseminare zu besuchen, um sich auf diese neue und innige Beziehung vorzubereiten bzw. zu erforschen, wo die eigenen „allergischen Punkte“ und tiefsten Sehnsüchte liegen. Oft sind das, oberflächlich betrachtet, erstaunlich simple Dinge. Doch letztendlich geht es dabei immer um tiefe Kindheitsbedürfnisse und  -verletzungen. Oft suchen wir uns unbewusst genau den Partner, der sehr ähnliche Kindheitsverletzungen erfahren hat. Wenn diese in der Therapie erkannt werden, dann kann es zu einem vertieften Verständnis für mich selbst und für den anderen kommen und erst daraus kann eine sehr fruchtbare, liebevolle Beziehung erwachsen.“

Sind Paar- und Eheprobleme ein Phänomen unserer individualisierten Gesellschaft?

„Bis zum 2. Weltkrieg waren Scheidungen mehr oder weniger verpönt. Es ging auch weniger um Glück, als um das gemeinsame Projekt Familie, Sicherheit und die gesellschaftliche Position. Heute steht der Individualismus an erster Stelle. Wir leben in sogenannten fließenden Zeiten, in der sich Strukturen auflösen. Das hat gute Seiten, doch auch Herausforderungen gerade was das heutige Beziehungsleben anbelangt. Alte Rollenmuster werden z.T. radikal in Frage gestellt, doch wenn alles möglich ist, woran kann ich mich eigentlich orientieren? Woher weiß ich, dass er oder sie richtig ist? Vielleicht gibt es noch bessere Partner? Zumal in den Partnerbörsen Millionen Suchende registriert sind… Diese ewige Suchhaltung kann uns zu chronischer Unzufriedenheit und zu lebenslanger Unverbindlichkeit verdammen, weswegen langfristige Beziehungen oder Ehen immer schwieriger werden. Hinzu kommt unser Umgang mit den Smartphones, wenn nämlich das „Dritte“, was uns auf dem Display fasziniert, wichtiger als der Partner/in oder mein Kind ist. Auch dadurch werden Beziehungen oftmals als leer, entfremdet und unbefriedigt erlebt.“

Warum tut Trennung so weh?

„Trennungsschmerz kann so stark sein, dass ich denke, ohne den anderen nicht leben zu können. Der Grund liegt wieder in der sehr frühen Kindheit: Im 1. Lebensjahr hatte das Baby mit der Mutter ein inniges symbiotisches Verhältnis. Doch auch in dieser Zeit erlebt jedes Kind Trennungen, wenn die Mutter zum Beispiel Wäsche aufhängt oder vom Smartphone permanent abgelenkt ist. Dann kann es sein, dass das Baby – und seien es nur 15 Minuten – Todesangst spürt, d.h. eine archaische Angst, ohne liebevolle Erwachsene zu sterben. Mit einem Liebespartner gehen wir eine sehr ähnliche innige Bindung ein. Wenn dieser uns verlässt, können manche Menschen in das gleiche frühkindliche Muster zurückfallen und es wiederholt sich das Gefühl, ohne die Bindungsperson nicht lebensfähig zu sein.

Die Frage ist jetzt, ob es mir gelingt, in einer angemessenen Zeit wieder aus dieser Urangst, die lähmt, deprimiert, süchtig machen kann, herauszukommen. 

Wenn ein bedeutsamer Lebensabschnitt (auch bei Arbeitslosigkeit, nach der Pensionierung, wenn die Kinder aus dem Haus gehen usw.) zu Ende ist, sollte man sich eine Phase der Trauer gönnen, sie zulassen. Das ist etwas Normales und erst einmal nichts Therapiebedürftiges. Es ist wichtig, sich Raum, Zeit und Muße zu geben – mit liebevollen, nicht parteiischen Freunden, um die gleichen Themen immer wieder durchzuarbeiten, für ein vertieftes Verständnis – um sowohl das Gute als auch das Schmerzhafte in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren.

Doch wenn man nach einem halben oder einem Jahr immer noch tief im Schmerz feststeckt, dann ist eine Therapie ratsam. Dann hat es meist etwas mit Verlusten aus frühen Kindheitserfahrungen zu tun.“

Wie verarbeite ich die Trennung richtig?

„Es braucht Zeit, und die ist unser wertvollstes Gut! Erinnern Sie das Gute, was es zweifellos gab, und reflektieren die eigenen Anteile, die zum Misslingen führten. Denn an jedem Ehekonflikt sind beide zu 50 % beteiligt. Und selbst wenn jemand fremdgeht, hatte das eine Vorgeschichte. Es kann sein, dass ich mir einen notorischen Fremdgeher/in ausgesucht habe, weil ich die Realität nicht erkennen und nicht auf den Rat meiner Freunde hören wollte. Oder: Eine eher pedantische Person verliebt sich in einen chaotischen Menschen, was zunächst als liebenswert und befreiend, aber schon bald als störend empfunden wird. – Es geht meist um die tiefsten Gefühle von Angst und Kränkungen, nicht wirklich gesehen zu werden in der eigenen Bedürftigkeit, wie damals als Kind. Unser Unbewusstes bringt oft Partner zusammen, die beide ähnliche Kinderängste kennen. Dann ist die Frage: Kämpfen wir an der Oberfläche gegeneinander oder helfen wir uns in der Tiefe gegenseitig und liebevoll?

Die eigenen Muster sollten wir reflektieren, um sie auch nicht an unsere Kinder weiter zu geben. Und bei Trennungen ist es extrem wichtig, diese nicht als Racheobjekte oder Trophäen auszunutzen. Jedes Kind hat das Recht, mit Vater, Mutter, allen Geschwistern und Großeltern Kontakt zu pflegen und sie zu lieben. Ohne Psychoterror – so wie es die Uno-Kinderkonvention verlangt. Schon allein die Frage: „Wen hast Du lieber, Mami oder Papi?“, bringt ein Kind in unendliche Loyalitätskonflikte, die schädigend für den Rest des Lebens sein können.“

Gibt es auch gute Trennungen? Wie gelingt eine gute Scheidung?

„Es gibt friedliche, respektvolle Trennungen, worauf beide stolz sein können. Leider jedoch bislang keine Traditionen für Scheidungs- oder Trennungsrituale. Das ist schade, denn sie wären genauso bedeutsam wie Hochzeiten. Gerade wenn Kinder betroffen sind, wären positiv gestaltete Rituale mit einem Mediator sinnvoll, weil sie den Übergang von einer Lebensphase in die andere symbolisch greifbar machen und helfen können.

  • Raum und Zeit geben für die Trauer
  • Sich bewusst machen, dass man sich als Paar wegen eines Ehekonfliktes getrennt hat: Aber der andere/die andere als Mensch der/die gleiche geblieben ist.
  • Große und kleine Kinder strikt aus dem Konflikt heraushalten – beide Eltern bleiben geliebter Vater und geliebte Mutter
  • Hilfe und Unterstützung sowie Rituale nutzen“

Wann ist Trennungsschmerz überwunden?

„Ein positives Ziel wäre, wenn ich friedlich, versöhnt mit mir selbst an die Zeit in dieser bedeutsamen Beziehung denken kann. Dann würde mir auch die Kraft zuwachsen, Neues zu wagen und zu beginnen, ohne die Last und die verworrenen Gefühle aus der Vergangenheit.“

Online-Beratung

Herzlichen Dank für Ihre hilfreichen Antworten!

Ihre Redaktion Naturheilmagazin

Das Interview wurde im Juni 2019 geführt – veröffentlicht im Februar 2020.


Weiterführende Links:

Zum Thema Beratung

Zum Thema Trauer

Zur Online-Therapie

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Mailadresse dient möglichen Rückfragen durch die Redaktion. Sie wird nicht veröffentlicht.



 

Wichtiger Hinweis:
Diese Inhalte dienen der Information und Orientierung. Sie können und sollen unter keinen Umständen den Besuch eines Arztes und die Konsultation medizinischer Beratung oder professioneller ärztlicher Behandlung ersetzen.
Der Inhalt von naturheilmagazin.de kann und darf nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen zu beginnen. Im Übrigen verweisen wir auf die Geltung unserer Allgemeinen Geschäftsbedingungen AGB

Krankheiten A-Z