INTERVIEWSERIE

Ganzheitlich nachgefragt

Professionelle Hilfe bei der TrauerbewältigungIm Gespräch mit Astrid von Friesen

Trauer – wie bewältige ich sie?

Wenn wir einen geliebten Menschen verlieren, sei es durch Trennung oder Tod, trauern wir. Wenn wir eine Situation erleben, die nicht nach unseren Vorstellungen oder Wünschen verläuft, trauern wir. Jeder Mensch auf der Welt kennt dieses Gefühl, denn es ist universell. Manchmal jedoch ist das Gefühl der Trauer so stark, dass es uns überwältigt, uns krank macht oder uns hindert unseren normalen Alltag zu leben. In diesen Fällen ist es sinnvoll, sich professionelle Hilfe zu holen. 

Die auf Trauer- und Traumabegleitung spezialisierte Therapeutin Astrid von Friesen erklärte uns im Gespräch, was bei belastenden Trauerphasen helfen kann.

Über Astrid von Friesen

Astrid von Friesen studierte Psychologie und Soziologie in Hamburg und ist als beratende Journalistin und Radio-Kommentatorin für das Deutschlandradio Kultur & den MDR tätig. Seit 1997 arbeitet sie als Integrative Gestalt-, Paar- und Trauma-Therapeutin (HPG) in Dresden und Freiberg. Sie ist vielfache Buchautorin, leitet die Supervisionen an sächsischen Lehrkrankenhäusern und lehrt an der TU Bergakademie Freiberg.

Kontakt & weitere Infos

Liebe Frau von Friesen, eigentlich wollen wir Menschen uns am liebsten immer gut fühlen. Warum trauern wir dann?

„Trauer gehört zu den basalen Gefühlen, wie Freude, Schmerz, Wut, Angst. Das ist eine ganz normale menschliche Reaktion auf einen Abschied. Und das Leben besteht auch aus Abschieden. Letztendlich, wenn wir alt sind, müssen wir uns am Ende unseres Lebens von allem verabschieden – von unserer Familie, unseren Kindern, von unserem Haus, unseren Fähigkeiten, vom Leben. Trauer ist somit eine natürliche, normale Reaktion auf Verluste in unserem Leben. Sie ist keine Krankheit, doch sie kann krank machen!“

Beratung Online Termin buchen

Warum fällt uns Trauer dann so schwer und warum versuchen wir sie zu vermeiden?

„Trauer schmerzt; sie überfällt uns. Immer mehr Menschen gönnen sich jedoch keine wirkliche Trauerzeit. Sie bleiben lieber in ständiger Aktion und vermeiden dieses Gefühl, indem sie sich ablenken oder betäuben. Trauer kann auszehren. Es können heftige körperliche Reaktionen entstehen, wie Kopf-, Rücken- oder Bauchschmerzen. Aber auch emotionale Folgen, wie Erschöpfungszustände. Wenn wir diese Symptome einfach überspielen und ihnen keinen Raum geben, kann das jedoch problematische Folgen haben.“

Welche Folgen können das sein?

„Es können unterschiedliche Reaktionen auftreten: Atem- oder Herzbeschwerden, Schmerzen am ganzen Körper, Appetitverlust, Muskelschwäche, Schlafstörungen, Infektionskrankheiten, Angst, Depressionen, Erstarrung, Unfallhäufigkeit bis hin zu Suizidalität. Man sagt, dass die Hälfte aller Krebserkrankungen auf unerledigter Trauer nach Verlusten basieren. Das kann der Verlust des Arbeitsplatzes sein oder einer Beziehung, eines Wohnortes, der Gesundheit, der Heimat, von Illusionen, von ungeborenen Kindern und selbstverständlich von einer geliebten Person.

Die Trauer tritt selten allein, fast immer als ein intensiv und wirr gemischtes Gefühl auf. Kann sie nicht fließen, kommt es zu selbstzerstörerischen Zuständen, neue Gefühle werden dadurch blockiert.“

Ab wann sollte ich mir professionelle Hilfe holen?

„Unsere Vorfahren waren klug. Da gab es das akzeptierte Trauerjahr, man trug schwarze Kleidung, was ja ein Schutz darstellt. In diesem ersten Jahr muss alles, was erlebt wird, ohne den geliebten Menschen durchgestanden werden: Die ersten Ferien, das erste Ostern, der erste Sommer, der erste Schnee – einfach alles. Immer wieder der Punkt, wie schrecklich alles ohne diesen geliebten Menschen ist. Im zweiten Trauerjahr hat man diesen Schmerz bereits einmal erlebt und weiß, dass man in der Lage ist, auch ohne den Gestorbenen lebensfähig zu sein. Der Schmerz wird von Jahr zu Jahr milder.“

 „Bei Trauer ist das erste Jahr ein gutes Maß.“
[Astrid von Friesen]

„Wenn sich nach dem ersten Trauerjahr emotional wenig bewegt hat – wenn die Trauer beispielsweise wie eingefroren wirkt – dann wäre Hilfe notwendig. Denn dann steht die Frage, warum der Mensch diesen Abschiedsprozess für sich nicht positiv gestalten kann? Warum ist da etwas erstarrt? Welche Gründe und negativen Erfahrungen gab es in der eigenen Biografie?

Wichtig ist heutzutage zu betonen, dass nicht jede Trauer traumatisch sein muss! Trauer gehört zum Leben! Dies zu akzeptieren fällt jedoch schwer.

Wo ist der Unterschied zwischen Trauer und Trauma?

„Echte posttraumatische Störungen lassen sich erst drei, sechs oder zwölf Monate nach dem schrecklichen Ereignis diagnostizieren. Denn alle vorherigen Reaktionen, auch alle im ersten Trauerjahr, sind normale Reaktionen auf ein unnormales Ereignis!

Zum Beispiel gibt es nach einem Partnerverlust, einer Entlassung oder einer schweren Operation ganz unterschiedliche Reaktionen. Der eine schläft ganz viel, ein anderer nur sehr wenig, der eine stürzt sich in die Welt, der andere zieht sich vollständig zurück usw. Das sind alles normale Reaktionen aufgrund von erschütternden Erfahrungen. Erst wenn sich dieses Verhalten nach Monaten manifestiert und nicht zurückbildet, kann man von posttraumatischen Reaktionen sprechen, welche therapeutischer Behandlung bedürfen.“

Wie lange dauert eine Trauertherapie?

„Das ist individuell sehr unterschiedlich. Bei manchen reichen wenige – fünf bis zehn – Gespräche. Andere benötigen mehrere Monate oder auch Jahre der Unterstützung.“

Was kann mir noch helfen, um Trauer zu überwinden?

„Wie gesagt, Trauer ist so unterschiedlich wie die Menschen sind. Einer geht täglich auf den Friedhof, ein anderer nie. Das sagt nichts über die persönliche Trauer aus. Da gibt es kein richtig oder falsch. Wichtig ist es, die Trauer nicht zu verdrängen, sondern sie bewusst zuzulassen und zu leben. 

Ebenso bedeutsam ist es, sich mit den positiven wie mit den negativen Erlebnissen und Gefühlen auseinander zu setzen, die ich mit diesem Menschen hatte. Das gilt auch für das Abschiednehmen z.B. von einer Ehe. Und beim Sterben sowieso. Es geht immer um das Integrieren aller Gefühle und um das Loslassen.“

Beratungstermin buchen

Herzlichen Dank für Ihre hilfreichen Antworten!

Ihre Redaktion Naturheilmagazin

Das Interview wurde im Juni 2019 geführt – veröffentlicht im Februar 2020.


Weiterführende Links:

Zur Online-Beratung

Zum Thema Trennung

Zur Online-Therapie

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Mailadresse dient möglichen Rückfragen durch die Redaktion. Sie wird nicht veröffentlicht.



 

Wichtiger Hinweis:
Diese Inhalte dienen der Information und Orientierung. Sie können und sollen unter keinen Umständen den Besuch eines Arztes und die Konsultation medizinischer Beratung oder professioneller ärztlicher Behandlung ersetzen.
Der Inhalt von naturheilmagazin.de kann und darf nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen zu beginnen. Im Übrigen verweisen wir auf die Geltung unserer Allgemeinen Geschäftsbedingungen AGB

Krankheiten A-Z