Alkoholkrankheit und Alkoholabhängigkeit
Bei einigen Menschen entwickelt sich ein selbst-zerstörerischer Prozess und sie vergiften sich auf der stofflichen Ebene durch eine Abhängigkeit von einer psychotropen Substanz: Ethanol und verfallen dem Alkoholismus. Er ist die Kapitulation des Individuums vor sich selbst, das Aufgeben von Autonomie und Authentizität, von Vitalität, Lebenslust und der Bereitschaft, gegen Strukturen, die die eigene Lebendigkeit zerstören, immer wieder aufzubegehren. Alkohol ist der gefährlichste und untauglichste „Problemlöser“ schlechthin.
Wie stark in unserer Gesellschaft die Tendenz verbreitet ist, das Individuum von seiner persönlichen Verantwortung zu entbinden, zeigen neuere Untersuchungen, nach denen Wissenschaftler des Nationalen Genomforschungsnetzes NGFN in der Fachzeitschrift „Molecular Psychiatry“ behaupten, dass die Alkoholkrankheit zu 50 bis 60 % auf einer genetischen Disposition beruht und zwei Mutationen im CRHR1-Gen die Anfälligkeit zum gesteigerten Alkoholkonsum beeinflussen. Dieses Gen sei für ein Protein verantwortlich, welches bei der Verarbeitung von Stress und Steuerung von Gefühlen eine Rolle spielt. Selbst wenn diese Beobachtungen wissenschaftlich betrachtet korrekt sind, fragt man sich doch, wie lange es noch dauern wird, bis der Mensch vollständig als ein von seinen Genen programmierter Roboter dargestellt wird. Und ob es nicht vielleicht sinnvoller wäre, stärker die Seele als die genetische Struktur zu betrachten.
Der Alkoholiker indes versucht, die Härten des Lebens weicher zu machen und sehnt sich nach einer konfliktfreien Welt. Doch es gehört zur Polarität unseres Daseins, dass Leben nicht immer harmonisch verläuft. Es gibt Phasen, in denen Konfrontation, Abgrenzung und härteste Auseinandersetzung unumgänglich sind. Wir müssen die Welt bewältigen statt Weltflucht betreiben. Im Wort Bewältigung und im Wort Gewalt steckt das Walten als gleiche Wurzel: Es kommt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet: stark sein. Leben kann vom Individuum manchmal eine gewaltige Kraftanstrengung abverlangen. Die eigene Psyche dahingehend zu trainieren, dass sie stark genug ist, das Leben in seiner ganzen Konflikthaftigkeit zu bewältigen, ist der entschieden gesündere Weg als die Flucht in eine nur scheinbar heile Welt.





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