Zu Hause und im Geburtshaus

Zu Hause und im Geburtshaus

Eine »natürliche« Geburt wünscht sich die Mehrheit der Gebärenden. Tatsächlich jedoch erleben wir in Deutschland - wie auch in den meisten anderen Industriestaaten - eine dramatische Entwicklung: Nur noch 6,7 Prozent aller Frauen in Deutschland bringen heute ihre Kinder ohne technische oder medizinische Eingriffe zur Welt.

Einführung

Jede fünfte Frau muss damit rechnen, dass die Geburt nicht von allein beginnen kann, sondern künstlich eingeleitet wird, jede dritte wird während des Geburtsvorgangs Wehenmittel erhalten und mehr als die Hälfte der Frauen eine Anästhesie. Ein Dammschnitt wird bei einem Drittel aller Frauen durchgeführt, und bei einem Viertel der Gebärenden erfolgt ein Kaiserschnitt. Innerhalb nur einer Generation ist die Geburt zu einem technisierten Vorgang geworden.

Doch die menschliche Geburt unterliegt als Teil der Fortpflanzung natürlichen Gesetzen. Als ein äußerst komplexer, hoch entwickelter, sich selbst steuernder Lebensprozess brauchte sie im Normalfall keine Behandlung. Die große Mehrheit aller Frauen wäre in der Lage, völlig normal, ohne jeden Eingriff, zu gebären.

Gesunde Schwangere brauchen ihren persönlich gestaltbaren Rahmen, um ganz bei sich und ihrem Baby sein zu können. Sie brauchen alle Kraft, um die Geburtsarbeit leisten zu können.

Eine Gesellschaft, die sich mehr Kinder wünscht, sollte Frauen ermutigen, statt sie zu bevormunden oder einzuschüchtern. Sie sollte Frauen dabei unterstützen, ihre ureigenen Kräfte neu zu entdecken und den natürlichen Lebensprozessen zu vertrauen.

Wo soll das Baby ankommen?

Noch vor 50 Jahren wurden Kinder in Deutschland in der Regel zu Hause geboren. Das änderte sich, als 1964 die Krankenkassen die Kosten für Klinikgeburten komplett übernahmen. Seither kommen immer mehr Babys in einem Krankenhaus zur Welt. In derselben Zeit sank die Sterblichkeit von Säuglingen und Gebärenden deutlich. Was lag näher, als einen direkten Zusammenhang zwischen sinkenden Sterblichkeitsraten und zunehmenden Klinikgeburten anzunehmen?

In der Folge wurde die Geburt in der Klinik zum Standard in Deutschland.

Mittlerweile ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass es keinen Zusammenhang zwischen vermehrten Klinikgeburten und sinkender Sterblichkeitsrate gibt. Gute Ernährung und Hygiene, medizinische Grundversorgung für alle, Grundrechte für Frauen und Kinder, gesellschaftliche Anerkennung von Empfängnisverhütung, regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen und damit eine frühzeitige medizinische Betreuung von Risikofällen, aber auch eine intensivere Vorbereitung der Schwangeren auf die Geburt, sind die eigentlichen Gründe für die niedrigen Sterblichkeitsraten in den Industrienationen.

Ein Ort der Geborgenheit

»Gerade aus der Intensität der Gefühle, wie sie bei einer Geburt auftauchen, wächst eine besondere Kraft. Eine Kraft, die Frauen stärkt und ihnen ein Selbstvertrauen schenkt, das weit über die Geburt hinaus trägt und verändert.« Ortrun Bauer

Wissenschaftliche Untersuchungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass gesunde Frauen, die zu Hause gebären, genauso sicher betreut, aufgehoben und versorgt sind wie jene, die sich für eine Klinik entscheiden.

Hebammen, die Klinik- und Hausgeburten kennen, wissen, dass Frauen zu Hause oder in einem Geburtshaus besser entspannen können und dadurch weniger Schmerzen haben. Geburtsbeschleunigende Eingriffe kommen kaum vor. (In der Klinik bei jeder dritten Frau!) Die Gebärende kann sich Zeit lassen und muss auf Klinikroutine oder Schichtwechsel keine Rücksicht nehmen.

Eine Hausgeburt heute lässt sich nicht mit einer Hausgeburt vor 50 oder 100 Jahren vergleichen. Die meisten schwangeren Frauen in Deutschland sind heute gesund, gut ernährt, die hygienischen Bedingungen zu Hause sind bestens. Hebammen verfügen über geburtshilfliche Medikamente und Instrumente.

Für eine Hausgeburt können Sie sich entscheiden ...

  • ... wenn Ihre Schwangerschaft ohne größere Probleme verläuft und sie eine normale Geburt erwarten. Dies betrifft auch Schwangere über 40 Jahre sowie Erstgebärende.
  • Auch wenn Sie beispielsweise ein Kind mit einer chromosomalen Fehlbildung (z. B.: Trisomie 21) erwarten, oder wenn Sie selbst unter einer chronischen Krankheit leiden (z. B.: Asthma), die den Geburtsverlauf jedoch nicht beeinträchtigen muss, kann eine Hausgeburt möglich sein. Ihre Hebamme wird Sie individuell beraten.
  • Die Geburt in der Klinik wird empfohlen, wenn bei Mutter und Kind problematische Befunde vorliegen. Beispielsweise bei einer Stoffwechselstörung, bei Bluthochdruck oder einer Frühgeburt.

Gute Noten für außerklinische Geburtshilfe

Die Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe (QUAG e.V.) dokumentiert seit 1997 die Qualität der Versorgung in Deutschland bei Geburten in der häuslichen Umgebung, im Geburtshaus oder in Hebammenpraxen. In regelmäßigen Qualitätsberichten veröffentlicht QUAG aktuelle Zahlen und Fakten zu diesem Thema. Die jüngsten Testergebnisse belegen: Die außerklinische Geburt ist sicher.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Die Hebammen schätzten die möglichen Geburtsrisiken überwiegend richtig ein und leiteten im (seltenen) Notfall rasch Maßnahmen ein.
  • Die Beziehung zur Hebamme wurde während der Schwangerschaft intensiv gepflegt. Jede zweite Schwangere hatte (ohne Einberechnung der Geburtsvorbereitungskurse) 6 bis 10 persönliche Kontakte zu ihrer Hebamme.
  • Ein wesentliches Kriterium für die Wahl des Geburtsortes war für 74 Prozent der Frauen die vertraute Hebamme, gefolgt von dem Wunsch nach Selbstbestimmung mit 68 Prozent.
  • 83,6 Prozent der Erstgebärenden und 95,6 Prozent der Mehrgebärenden benötigten während der Geburt keine Analgetika (Schmerzmittel) oder Spasmolytika (Mittel zum Entkrampfen).
  • In 12,5 Prozent aller Fälle war während der Geburt eine Verlegung in die Klinik notwendig. Der häufigste Grund dafür war ein Stillstand in der Eröffnungsphase der Geburt. Nur 1,0 Prozent aller Geburten wurden eilig verlegt.
  • 91,3 Prozent der Verlegungen wurden in Ruhe durchgeführt, häufig im Privatauto. Die restlichen 8,7 Prozent wurden im Krankenwagen transportiert.
  • Auch von den verlegten Frauen konnten 52,7 Prozent in der Klinik spontan entbinden. In den anderen Fällen wurde die Geburt operativ beendet.
  • Die Kaiserschnittrate lag bei 4 Prozent, bezogen auf alle in dieser Studie erfassten Geburten.
  • Die große Mehrheit der Neugeborenen war gesund. 99 Prozent aller erfassten Neugeborenen hatten nach einer Minute einen APGAR-Wert zwischen 8 und 10. (Der APGAR-Wert bestimmt den Vitalitätszustand des Neugeborenen. Ab 8 von 10 Punkten geht es dem Baby bestens.)

Die Analyse basiert auf einer repräsentativen Datengrundlage von 42.154 Geburten aus den Jahren 2000 bis 2004. Darin sind alle außerklinisch begonnenen Geburten erfasst. Die Ergebnisse decken sich mit internationalen Studien.

(»A German Study«, 5-Jahres-Studie 2000-2004. Außerklinische Geburtshilfe in Deutschland. Hrsg.: Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe, Hans Huber Verlag, 2007 ISBN 978-3-456-84427-5; 19,95 Euro)

Vertraute Begleitung

Die Hebamme ist Ihre Ansprechpartnerin während der Schwangerschaft, bei der Geburt und im Wochenbett. Jede schwangere Frau in Deutschland hat die Möglichkeit, sich von einer Hebamme betreuen zu lassen. Sämtliche Vorsorgeuntersuchungen können von der Hebamme durchgeführt werden. Sie werden im Mutterpass eingetragen und von der Krankenkasse bezahlt.

Nehmen Sie Kontakt zu einer Hebamme auf, sobald Sie über die Wahl des Geburtsortes nachdenken. Sie wird Sie über die Möglichkeiten, übervorteile und Risiken der verschiedenen Geburtsorte informieren. Vor allem wird die Hebamme Sie stärken, in Ihren Entscheidungen unterstützen und Sie während der gesamten Schwangerschaft regelmäßig untersuchen. Bei auffälligem Befund wird sie einen Arzt hinzuziehen.

Hilfe bei der Entscheidung

Beim Kennenlernen sollten Sie schon alle Fragen, die Ihnen am Herzen liegen, ansprechen. Letztendlich entscheidet neben den professionellen Auskünften auch die Sympathie über die weitere Zusammenarbeit zwischen schwangerer Frau und Hebamme.

Persönliche Betreuung

Bei einer Hausgeburt oder in einem Geburtshaus ist die Ihnen vertraute Hebamme während des gesamten Geburtsverlaufs anwesend. Auch in den Wochen vorher können Sie Ihre Hebamme oder das Hebammenteam rund um die Uhr erreichen. Diese intensive Betreuung bietet einen hohen Sicherheitsstandard.

Wochen der Vorbereitung

Spätestens vier Wochen vor dem errechneten Geburtstermin wird die Hebamme mit Ihnen besprechen, was Sie für die Geburt vorbereiten müssen. Bis dahin hatten Sie Zeit, miteinander vertraut zu werden. Während der Vorbereitungszeit sollten Sie mit Ihrer Hebamme ganz offen über mögliche Ängste oder Probleme sprechen. So kann sie während der Geburt einfühlsamer auf Sie eingehen.

Der Tag der Geburt

Jede Geburt ist ein einmaliges und neues Ereignis. Dieser spezielle Tag, auf den sich alle vorbereitet haben, ist nicht bis ins letzte Detail planbar. Jede Frau wird die Geburt anders, auf ihre ganz persönliche Weise erleben. Aufgabe der Hebamme ist es, Ihnen an diesem Tag jede nur erdenkliche Unterstützung zu bieten, damit Sie sich ganz entspannt und geborgen der Geburtsarbeit widmen können.

An diesem Tag hat die Hebamme nur für Sie und Ihr Baby Zeit. Sie gibt acht, dass es Ihnen und dem Baby während der Geburtsarbeit gut geht. Sie wird bei Ihnen bleiben, Ihnen helfen Positionen einzunehmen, die Ihnen die Wehenarbeit erleichtern, wird Sie bei der Atmung unterstützen, Ihnen Mut zusprechen und dem Baby vorsichtig heraushelfen. Sie allein geben den Takt dieses Tages vor.

Und wenn etwas schief geht?

Komplikationen sind zum Glück äußerst selten. Dennoch ist es verständlich, dass Sie sich sicher sein wollen, auch im Notfall bestens versorgt zu werden. Ihre Hebamme ist auch dafür gerüstet.

Zur Geburt wird sie die in der Geburtshilfe üblichen Medikamente und Infusionen dabeihaben, um beispielsweise unerwartete Blutungen behandeln zu können. Zur Standardausrüstung gehören auch ein portables Ultraschallgerät (Dopton), mit dem die Herztöne des Ungeborenen überprüft werden, sowie Nahtbesteck. Die Hebamme kann jederzeit den Kontakt zum nächstliegenden Krankenhaus und Rettungsdienst herstellen und damit notwendige Hilfsmaßnahmen einleiten.

Das Baby ist da

Wer übernimmt die Kosten?

  • Für alle Hebammenleistungen gibt es feste Gebührensätze, die nach dem Sozialgesetzbuch von der Krankenkasse vergütet werden.
  • Seit 1. April 2007 gehören dazu auch die Betriebskostenpauschalen von Geburtshäusern und Hebammenpraxen.
  • Einige private Krankenkassen zahlen für Hausgeburten sogar eine Prämie. Fragen Sie nach!
  • Die Rufbereitschaft der Hebammen wird – nach persönlicher Vereinbarung – privat in Rechnung gestellt.

 

Auszug aus der Broschüre "Zu Hause und im Geburtshaus" veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe e. V.

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