Schreiende Babys

Schreiende Babys, gestresste Eltern

Das Schreien ihres Babys lässt Eltern meist hochschrecken - und raubt ihnen, wenn es im Übermaß auftritt, oft den letzten Nerv. Sabine König hat sich das Schreien der Babys näher angeschaut: Was steckt eigentlich dahinter? Warum schreien Babys? Denn wer das Schreien des Babys versteht, kann besser angemessen reagieren.

Autor/en dieses Beitrages:
Dipl.-Soz.päd. Sabine König, aus Stuttgart

Der Geburtsschrei

Der Geburtsschrei ist ein typisch menschliches Phänomen und bei anderen Säugetiergattungen nicht zu beobachten. Er ist die Basis für den Start ins Leben. Schallt er laut und kräftig, ist er das Zeichen für „ein gesundes vitales Kind“ und löst bei Anwesenden Erleichterung und Glücksgefühle aus. Das Ausbleiben des ersten Schreies dagegen bringt Unsicherheit und Ängstlichkeit mit sich und führt bei Naturvölkern sogar so weit, dass sie die Überlebensfähigkeit des Neugeborenen in Frage stellen. 

In der Regel folgt dem ersten kräftigen Schrei eine Phase der Ruhe und Gelassenheit, die dem Neugeborenen und seinen Eltern, besonders der Mutter, Gelegenheit geben, Kontakt aufzunehmen. Diese hochkonzentrative Phase begleitet durch intensiven Blickkontakt, erstes Anlegen und Stillen: 

  • löst mütterliche Gefühle aus, 
  • eröffnet die Eltern-Kind-Bindung, 
  • macht die Frau zuwendungsfähig und empathisch für die Bedürfnisse ihres Säuglings 
  • läßt den Vater Zugehörigkeit und Pflegetrieb erspüren.

Nach dem Geburtsschrei löst jedes weitere Schreien bei Erwachsenen Alarmbereitschaft aus. Einhergehend mit einer hohen Adrenalinausschüttung und der damit verbundenen sofortigen Handlungsbereitschaft hat die Natur sichergestellt, dass ein schreiendes Baby versorgt werden muss und nicht unbeachtet bleibt. 

Die Häufigkeit des Schreiens nimmt in unserem Kulturkreis zwischen der zweiten und sechsten Lebenswoche zu, und wird bis zur 14. Lebenswoche kontinuierlich weniger. 
Dabei sind große individuelle Schwankungen in der täglichen Schreidauer festzustellen. Mit zwei Wochen kann die Schreidauer von ein bis zu zwei, mit sechs Wochen von eineinhalb bis zu drei und mit dreizehn Wochen von einer halben bis zu eineinhalb Stunden pro Tag andauern. Diese Schreiphasen befinden sich überwiegend in der Zeit zwischen 17 bis zu 22 Uhr.“
 (Hebammenzeitschrift 7/2003. S.50f) 

Hintergründe für das Schreien

Schreiendes Baby

Hunger: 

Signal alle zwei bis vier Stunden das Hungergefühl aktiv zu stillen. Hunger kennt keinen Aufschub und erst in den folgenden Monaten entwickeln sich langsam größere Zeitabstände. 

Schmerz: 

z. B. nach Impfungen, Stößen, Verletzungen. Auch Neugeborene empfinden schon aktiv Schmerz, weisen allerdings eine längere Reaktionszeit auf. 

Langeweile: 

der Säugling fordert direkt Zuwendung und Nähe der vertrauten Personen ein. 

Übermüdung und Überreizung: 

das Kind ist verzweifelt bemüht, abzuschalten, bzw. will einfach einschlafen und schafft es nicht. 

Unvertraute Personen oder fremde Umgebung: 

es signalisiert die Unsicherheit schon lange vor der Fremdelphase. 

Eine volle Windel: 

beim Entleeren von Darm und Blase ist Schreien ein Kurzsignal, das in manchen Kulturen genutzt wird. Bei uns verliert es an Bedeutung und so lernen die Säuglinge schon früh darauf zu verzichten. 

Wetterfühligkeit und Mondphasen: 

das Schreien ist vergleichbar mit dem Unruheverhalten und dem Unwohlsein Erwachsener. 

Bauchkoliken: 

entstehen ursächlich durch das Schreien selbst, denn der Säugling schluckt beim Schreien viel Luft, die ihm dann Beschwerden bereitet.

Die Abendstunden: 

Schreien zu dieser Zeit ist mit der allgemeinen Erschöpfung aller Familienmitglieder zu erklären. Jeder möchte seine Ruhe haben, auch Eltern kommen ans Ende ihrer Belastungsgrenze, aber der Säugling fordert wegen seiner Erschöpfung vermehrte Aufmerksamkeit. 

Ein „Tragling “: 

d.h. ein Kind, das nicht abgelegt sein will, und verstärkt die körperliche Nähe der Eltern spüren muss, um sich wohl zu fühlen. (Largo, Remo H.: Babyjahre. München: Piper 11. Aufl. 2000) 

Eltern besitzen die intuitive Fähigkeit und Sicherheit, sich auf die Bedürfnisse ihres Säuglings einzustellen und instinktiv das Richtige zu tun, wenn sie sich nicht durch Äußerungen ihrer Mitmenschen, überholte Verhaltensanweisungen, wie auch durch ein zuviel an Literatur verunsichern lassen. 

Der „Bauch“ erspürt viel und ist oft ein guter Ratgeber. 

Einige wenige Eckpunkte gilt es allerdings zu beachten: 

  • Wenn ein Säugling Nähe einfordert, dürfen wir sie ihm bedenkenlos geben. 
  • Über das Verwöhnen müssen wir uns in den ersten Lebenswochen noch keine Gedanken machen. 
  • Ein Säugling, der trotz aller Bemühungen weiter schreit, will uns dringend etwas sagen. Wir müssen uns nicht scheuen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. 
  • Neben der Versorgung des Kindes dürfen wir auch an uns denken: Ausruhen, Entspannen, ein neues inneres Gleichgewicht finden, sich Zeit lassen etc. stehen vor aufgeräumter Wohnung, Putzen usw. 

Der Mensch - Ein Nesthocker

Der Mensch wird unreif geboren, d.h. er befindet sich in 100%iger Abhängigkeit zur pflegenden und versorgenden Umwelt und ist auf ihr Wohlwollen angewiesen. Die Natur hat dem Säugling daher die Fähigkeit zur aktiven Bindungsaufnahme zugewiesen: 

  • Weit geöffnete Augen 
  • Halten des Blickkontaktes 
  • Seltenes Blinzeln 
  • Entspannter Körper nach dem Aufnehmen 
  • Anklammern durch die Hände 
  • Später hinzukommend: Lächeln, Strecken der Arme etc.

Das Schreien ist neben diesen Aspekten ein aktives Kommunikationsmittel der Körpersprache und Mimik. Es reiht sich in die verschiedenen Bewußtseinszustände eines Neugeborenen ein, deren Kenntnis und Verständnis uns das Zusammensein mit Kindern erleichtern: 

  • Der aktive Schlaf = Traumschlaf = Entwicklungsschlaf = REM-Schlaf (R=rapid, E=eye, M=movement); siehe hierzu Artikel: Schlafen und Wachen im Kleinkindalter 
  • Der ruhige Schlaf = Erholungsschlaf = Tiefschlaf = Nicht-REM-Schlaf 
  • Der ruhige Wachzustand = Konzentration = Zufriedenheit 
  • Der aktive Wachzustand = Lebendigkeit = erhöhte Aktivität, kann leicht in Unruhe umschlagen 
  • Das Schreien 
  • Die Schläfrigkeit = Übergangsphase zwischen Schlafen und Wachen

Kurz zusammengefasst heißt das, 

mit dem Schreien signalisiert das Kind seine akuten körperlichen Bedürfnisse: 

  • Hunger, Durst 
  • Schmerzen, Krankheit, Fieber 
  • Frieren, Schwitzen 
  • Müdigkeit 
  • Volle Windeln 
  • Juckreiz

Sowie seelische Nöte: 

  • Verlangen nach Nähe und Geborgenheit 
  • Überforderung, Stress 
  • Angst in fremder Umgebung 
  • Angst in Gegenwart fremder Personen 
  • Langeweile 
  • Seelische Spannungen 

und mit zunehmendem Alter und Komplexität seines Verhaltensrepertoires: 

  • Ablehnung 
  • Wut 
  • Ärgernis 
  • Frustration

Häufig beobachtete Signale vor dem Beginn des Schreiens können sein: Stirnrunzeln, Gähnen, Schluckauf, auf die Seite drehen, Arme und Beine wegziehen, aus dem Blickkontakt gehen, Quengeln, sich überstrecken, „unwilliges Aufbäumen“. 

Das Schreien als solches ist für den Säugling weder gefährlich noch schädigend. Das es jedoch dazu dient, die Lungen zu stärken, ist ein längst überholtes Ammenmärchen. 

Daher sollte jedes Schreien schnellstmöglich beantwortet werden, denn es ist als Kommunikations- und Beziehungsangebot zu verstehen. Unser Kind ruft nach uns, braucht unsere Hilfe und Nähe. Wenn sein Schreien unbeantwortet bleibt, oder wenn wir uns trotz häufiger Schreiattacken nicht auf die Suche nach auslösenden Momenten begeben, kann dies die Beziehung zu unserem Kind langfristig beeinträchtigen. 

Schreien ist Kommunikation

Schreiendes Baby

Das kindliche Schreien bedeutet für unerfahrene Eltern wie auch für erfahrene Personen aktiv Hilfe zu leisten. Es weist auf die momentanen Bedürfnisse des Säuglings hin, die wir vielleicht übersehen hätten. Mit zunehmender Erfahrung der Eltern und mit zunehmenden Entwicklungsalter der Kinder können beide Parteien mit der Zeit immer besser Kontakt aufnehmen. Art und Umstand des Schreiens, selbst Modulationen, können richtig gedeutet werden. 

Gelingt den Eltern die Beruhigung ihres Kindes schnell und sicher, z.B. der Säugling stellt das Schreien nach Aufnehmen und Stillen ein, so gewinnen die Eltern an Kompetenz und Sicherheit und ihr elterliches Selbstwertgefühl steigt. Weitere Schreiattacken werden mit Ruhe, Gelassenheit und Erfolgssicherheit gelöst. Diese innere Ruhe wiederum vermittelt dem Säugling Stabilität und er lernt sehr schnell: Schreien ist kaum notwendig. 

Gelingt die Beruhigung jedoch nicht, stellt sich bei den Eltern Nervosität, Unsicherheit und innere Anspannung ein, die sich direkt auf den Säugling auswirkt. Die wechselnden Beruhigungsangebote werden immer fliehender, hilfloser und verursachen in der Regel beim Kind eher Überreiztheit, als Entspannung. Die aktive Sorge um das Wohl des Kindes, die Erschöpfung, die Verzweiflung, die natürliche Aggression verursacht durch den direkt spürbaren Stress, die grenzenlose Opferbereitschaft, die Angst etc. nehmen Einfluss auf die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung, die vom Neugeborenen registriert wird. 

Das natürliche Wechselspiel zwischen Reaktion und Aktion kann auf Dauer beeinträchtigt werden. Die ganze Bandbreite zwischen Frustration und Resignation können den Umgang zwischen Eltern und Kind belasten. Schuldzuschreibungen, wie auch Versagenseingeständnisse dominieren oft den Alltag miteinander und nehmen die Lust am Zusammensein mit dem eigenen Kind. Die Dunkelziffer der mißhandelten Säuglinge und Kleinkinder ist erschreckend hoch und erklärt sich über die aktive Verzweiflung der Eltern. 

Neben der Abklärung organischer Probleme beim Kinderarzt oder auch in einer Kinderklinik, ist es wichtig, sich Gedanken über das alltägliche Handling bzw. das familiäre Miteinander zu machen. 

Der Übergang von einer Zwei-Personen-Beziehung zu einer Familie ist eine anspruchsvolle und anstrengende Aufgabe, die Schwierigkeiten mit sich bringt. Die haltgebende Großfamilie ist vielerorts nicht mehr vorhanden, Eltern und Kind sind allein und auf sich selbst gestellt. 

Daher ist sinnvoll, Hilfe von Fachleuten entgegenzunehmen. Ob nun durch Literatur (z.B.: Remo H.Largo : Babyjahre) oder durch die kritische und selbstbewußte Auswahl eines Beratungsangebotes. 

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