Stellungnahme des DZVhÄ (11/2010)

Stellungnahme des DZVhÄ - November 2010

Stellungnahme des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) zum Spiegel-Artikel „Rückfall ins Mittelalter".
Berlin, 24. November 2010 (Der Spiegel 47/2010 vom 22.11.2010)

Übersicht: Diskussion zur Homöopathie

Stellungnahme des DZVhÄ zum Spiegel-Artikel "Rückfall ins Mittelalter"

Im Spiegel vom 22. November wird die Homöopathie (gegründet um 1800) als mittelalterliche Quacksalberei dargestellt. Die wachsende Verbreitung der Homöopathie in Praxen, Hochschulen und Kliniken ruft Widerstand hervor.

Auch, dass immer mehr Ärzte die Weiterbildung Homöopathie absolvieren und sich immer mehr Patienten für sie interessieren, ruft bei ärztlichen Kollegen, die die Homöopathie in der Vormoderne verorten Entsetzen hervor. Selbst sind diese Kollegen aber offenbar noch nicht in der Postmoderne angekommen. Die extreme Abwehr des Spiegels und die Polemik, die sich stellvertretend an Bundesärztekammerpräsident Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe entlädt, ist vor diesem Hintergrund zu sehen; Hoppe steht in seinem Wirken als Kammerpräsident für den Dialog der Medizinrichtungen. Es zeichnet sich ein Paradigmenwechsel in der Medizin ab. Weg von einer seriellen Medizin, die mit standardisierten Therapiekonzepten definierte Krankheiten behandelt, hin zu einer individuellen Medizin, die den Blickwinkel nicht auf einzelne Organe und Krankheiten verengt, die den kranken Menschen als Einheit begreift.

Das scheint zu verunsichern. Selbst innerhalb der konventionellen Medizin wird inzwischen Unbehagen formuliert, ob der zunehmenden Verengung des eigenen Blickwinkels und der Endlichkeit der Therapiemöglichkeiten. Die häufigen chronischen Erkrankungen sind durch die konventionelle Medizin nicht heilbar. Dabei steigen die Kosten des Gesundheitssystems kontinuierlich, ohne dass dem eine entsprechende Steigerung von Gesundheit gegenüber steht. In der Bevölkerung herrscht eine weit verbreitete Unzufriedenheit gegenüber einer Medizin, die als apparateorientiert, mechanistisch und unpersönlich erlebt wird. Gewünscht wird die Kooperation von konventioneller und individueller Medizin (wie anthroposophischer Medizin, Akupunktur oder Homöopathie).

Eine moderne Medizin hält Intensivstationen und individualisierte Therapieverfahren bereit. Das ist, was von Patienten erwartet wird, und das, was zunehmend auch in universitären Ambulanzen praktiziert wird. Und das ist ebenso das, was in der täglichen Praxis stattfindet. Fast 60 Prozent der Hausärzte praktizieren eine oder mehrere Methoden der Komplementärmedizin. Etwa 60.000 Ärzte haben eine Zusatzbezeichnung in Naturheilverfahren, Homöopathie, Akupunktur oder in Chirotherapie.

Mehr zur aktuellen Homöopathie Diskussion in unserem Portal.

Eine Stellungnahme von Cornelia Bajic, 1. Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ):

Es macht mich allmählich müde, immer die gleichen Platituden zu hören und immer das gleiche zu antworten:

Ja, die ganz überwiegende Zahl von Doppelblindstudien zum Thema Homöopathie belegt eine Wirkung derselben.

Ja, die Versorgungsforschung zeigt, dass Homöopathie in der Praxis effektiv und kostengünstig ist.

Und warum bitte ist Versorgungsforschung weich? Wer genau hat definiert, dass das Empfinden eines Menschen über seinen Gesundheitszustand ein weicher Endpunkt ist, sein Cholesterin-Spiegel aber ein harter?

Soweit so gut, Sie behaupten das eine, wir das andere. Da steht Aussage gegen Aussage, das können wir auch einfach so stehen lassen. Aber könnten wir diese Ebene nicht endlich mal verlassen?

Ja, wir geben zu, dass der Wirkmechanismus ungeklärt ist. Aber nein, wir stimmen nicht zu, wenn behauptet wird, es handele sich NUR um Placebo-Effekte, dafür ist die Studienlage nicht eindeutig.

Ja, wir räumen dem Placebo-Effekt eine Bedeutsamkeit ein, dies tut die
konventionelle Medizin übrigens auch.

Nein, es ist nicht magisch – mystisch – esoterisch, es ist eine Heilmethode, die nach klaren Regeln funktioniert. Eine besondere Form der Psychotherapie? Gut, dann erforschen wir diese Aussage. Wissenschaftliches Denken kommt in der Praxis zu kurz? Wir wollen es überprüfen.

„Medizin ist eine Erfahrungswissenschaft, die sich auch naturwissenschaftlicher Methoden bedient.“ Das spricht für den Weitblick von Prof. Hoppe, weiß er doch, dass der Praktiker zum allergrößten Teil auf seine Erfahrung zurückgreift. Der mechanistische Ansatz der Medizin, auf welchem unsere heutige „Mainstream-Medizin“ beruht, hat sich überholt, bleibt er doch allzu oft die letzte Erklärung schuldig. Wir wollen uns doch nichts vormachen und den Anschein erwecken, als hätte die moderne Medizin schon auf jede Frage eine Antwort und zu jeder Krankheit eine Therapie.

Schauen wir die Realität an, dann wissen wir, dass wir Ärzte doch davon ewig weit entfernt sind. Etwas mehr Bescheidenheit würde der „Naturwissenschaft Medizin“ da gut zu Gesicht stehen.

„Aude sapere“ (Wage, weise zu sein) - Das sage ich den Medizin-Studenten, denen ich einen Überblick über Homöopathie gebe. Da bin ich mit Prof. Windeler ganz einig, zu wenig eigenständige Denkarbeit findet sich im Medizinstudium. Aber dazu gehört dann auch, dass man sich mit dem Ungeklärten beschäftigt, dass man über den Tellerrand schaut und immer wieder kritisch die neuesten Entwicklungen betrachtet.

Ja, wir Homöopathen wünschen uns mehr Forschung auf unserem Gebiet, ja, auch gerne „harte“ Studiendesigns (und mehr Forschungsgelder…), ja, mehr Diskurs mit den Kollegen, mehr Kommunikation und Austausch in gegenseitigem Respekt vor der jeweils unterschiedlichen Therapieform… und zwar zum Wohle der Patienten in letzter Konsequenz.

Wäre es also möglich, diese Diskussion endlich mal auf solide Füße zu stellen und sie dadurch fruchtbar werden zu lassen?

Eine Stellungnahme von Curt Kösters, 2. Vorsitzender des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ)

Individuelle Medizin
Noch heute ist Professor Happle, der ehemalige Chef der Hautklinik der Universität Marburg, davon überzeugt, dass „das Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis der universitären Medizin und das magisch-mystische Denken der Homöopathie“ sich gegenseitig ausschließen. Und der SPIEGEL druckt es gern. Die damals von Professor Happle initiierte Marburger Erklärung hatte zwar selbst eher die Diktion der heiligen Inquisition als den einer akademischen Institution: „Der Fachbereich Humanmedizin der Philipps-Universität Marburg verwirft die ‚Homöopathie’ als eine Irrlehre. Nur als solche kann sie Gegenstand der Lehre sein.“ Offenbar ist man aber gerade um aktuellere oder kompetentere Gewährsmänner verlegen. – Ist Professor Ernst gerade in Urlaub?

Was ist schreckliches geschehen, dass der SPIEGEL sich derartig ins Zeug legen muss? Der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg Dietrich Hoppe hat sich für Pluralismus in der Medizin eingesetzt, er hat darauf hingewiesen, dass Medizin zwar Naturwissenschaft einsetzt, selbst aber keine Naturwissenschaft ist, sondern eine Erfahrungswissenschaft. Der Spiegel registriert das mit Entsetzen. Wir fragen uns wiederum, wie jemand ernsthaft der Meinung sein kann, das Medizin nicht mehr ist als die Anwendung von Studien. Medizin ist Handlungswissen – eine Praxis. Sie hat etwas mit Patienten zu tun. Es geht um Empathie, um Kontakt und Kommunikation – und nicht nur um Studien. Medizin ist die Anwendung wissenschaftlicher Prinzipien – aber auch weit mehr als das. Und wenn es daran Zweifel gibt, ist eine öffentliche Diskussion um den Wissenschaftsbegriff in der Medizin in der Tat überfällig.

Und auch dort wo es um die Anwendung von Studien geht, wird offenbar mit unterschiedlichem Maß gemessen. Der Spiegel bringt den Präsidenten der Berliner Ärztekammer, Günther Jonitz, gegen Hoppe in Stellung „Wir brauchen nicht mehr Alternativmedizin, wie Herr Hoppe sagt, sondern mehr Psychosomatik.“ Nun haben wir sicher nichts gegen Psychosomatik und teilen die Auffassung des Berliner Ärztekammerpräsidenten, dass ein Mehr an Psychosomatik nicht von Schaden wäre. Allerdings sind uns die zahlreichen Doppelblindstudien, mit denen die Psychosomatik Gnade vor den Augen des SPIEGELS findet und ihre Existenz legitimiert, im Moment nicht so recht geläufig. – Wir bitten hier um Nachhilfe.

Richtig ist, dass es unterschiedliche Betrachtungsweisen in der Medizin gibt, den Unterschied zwischen einer seriellen und einer individuellen Medizin. Die Sichtweise einer seriellen Medizin: Alle Menschen sind gleich – das ist die Voraussetzung für klinische Studien und Entscheidungen, die darauf beruhen. Die Krankheitsdiagnose ist hier der entscheidende prognostische und therapeutische Indikator. Eine individualisierte Medizin wie die Psychosomatik bezieht sich auf die einzelne erkrankte Person in ihrem individuellen Kranksein; die Krankheitsdiagnosen hat in einer individualisierten Medizin eine rein prognostische Aussage. Die individuelle Therapie kann nur aufgrund der individuellen Symptomatik festgelegt werden. Eine individualisierte Medizin beruht also gerade auf der Wahrnehmung von Unterschiedlichkeit.

Beide Sichtweisen – die serielle und die individuelle – sind für sich richtig und haben ihre Berechtigung innerhalb bestimmter Parameter. Dass diese unterschiedlichen Blickwinkel auch Konsequenzen für die anzuwendenden Forschungsmethoden haben ist evident. Die klassische Methode der seriellen Medizin ist die Doppelblindstudie – diese lässt sich auf individualisierte Verfahren nur mit großen Einschränkungen übertragen. Das schließt randomisierte klinische Studien mit hohem Evidenzgrad auch für die individualisierte Medizin nicht aus.

Dem Dialogforum „Pluralismus in der Medizin“ ist zu danken, dass die fällige Diskussion um das unterschiedliche Verständnis von Medizin eröffnet wurde. Eine Theorie der Medizin wurde bereits von Viktor von Weizsäcker angemahnt.

Den Autoren des Spiegels ist zu wünschen, dass ihnen Lebensmittel und insbesondere Wein künftig nur noch nach objektiven Qualitätsmaßstäben – mess- und wägbaren Parametern – kredenzt werden. Schwierige und subjektive Maßstäbe wie Geschmack – weiche Endpunkte also – sollten dabei keinerlei Rolle spielen. Zum Wohle!

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