Reizdarm-Syndrom: Ordnungstherapie und Entspannungsverfahren

Reizdarm-Syndrom: Ordnungstherapie und Entspannungsverfahren

Die Naturheilkunde bietet viele Therapiemöglichkeiten beim Reizdarm-Syndrom. Aber was hilft auch? In seinem Vortrag auf der 43. Medizinischen Woche stellte Dr. med. Jost Langhorst die Therapie des Reizdarm-Syndroms mittels Ordnungstherapie und Entspannungsverfahren auf den wissenschaftlichen ...

Übersicht: Reizdarm-Syndrom

Einführung

Die Naturheilkunde bietet viele Therapiemöglichkeiten beim Reizdarm-Syndrom. Aber was hilft auch? In seinem Vortrag auf der Medizinischen Woche 2009 stellte Dr. med. Jost Langhorst die Therapie des Reizdarm-Syndroms mittels Ordnungs-therapie und Entspannungsverfahren auf den wissenschaftlichen Prüfstand. Besonders vielversprechend scheint demnach die Hypnose zu sein. Und auch der Therapeut spielt eine maßgebliche Rolle.

Anhand einiger Fakten verdeutlichte Dr. Langhorst die immense Bedeutung des Darms für unsere Gesundheit:

  • Der Darm ist unsere Hauptkontaktfläche zur Umwelt. Die Darmoberfläche entspricht mit rd. 500 m2 etwa der eines Tennisplatzes.
  • Im Darm gibt es ca. 100 Mio. Neurone. Das sind mehr, als sich z.B. im Rückenmark befinden. Es werden mehr Informationen vom Darm zum Großhirn geleitet als umgekehrt.
  • 70 % aller immunkompetenten, d.h. zur Abwehr befähigten, Zellen befinden sich im Darm.
  • Im Verdauungstrakt werden zahlreiche Nervenbotenstoffe wie Serotonin und Dopamin produziert. Umgekehrt reagiert der Darm auch auf Stoffe, welche die Psyche beeinflussen.

Doch der Darm funktioniert nicht immer nach Wunsch. Bis zu 1/3 der Bevölkerung leidet an chronischen Verdauungsstörungen, wovon nur bei jedem 2. Patienten organische Veränderungen nachweisbar sind. Bei der anderen Hälfte der Patienten sind mit den Standardmethoden keine Ursachen auszumachen. Hier spricht der Therapeut dann von „funktionellen“ Magen-Darm-Erkrankungen. Hierzu gehört auch das Reizdarm-Syndrom, unter dem rund 12 % der Deutschen leiden.

Bei der Medizinischen Woche 2009 wurden weitere Möglichkeiten zur Therapie des Reizdarm-Syndroms vorgestellt. Lesen Sie dazu:

Diagnose

Für die Diagnose eines Reizdarm-Syndroms werden die so genannten ROM-III-Kriterien herangezogen. Demnach spricht man von einem Reizdarm-Syndrom, wenn ein Patient seit mindestens 6 Monaten, an mindestens 3 Tagen im Monat in den letzten 3 Monaten, wiederkehrende Beschwerden oder Schmerzen im Bauchraum hat. Darüber hinaus werden bei der Diagnosestellung die folgenden Symptome beim Reizdarm-Syndrom hinzugezogen:

  • einhergehen mit einer Änderung der Stuhlfrequenz
  • einhergehen mit einer Änderung der Stuhlkonsistenz
  • Verbesserung der Beschwerden nach dem Stuhlgang

Symptome

Zu den typischen Symptomen des Reizdarm-Syndroms gehören

  • abnorme Stuhlfrequenz
  • abnorme Stuhlkonsistenz
  • Abgang von Schleim
  • Blähungen oder das Gefühl eines aufgetriebenen Bauches

Ein Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass Reizdarm-Patienten im Durchschnitt 7 Tage pro Monat mit 2 Beschwerdeschüben pro Tag mit Dauer von je einer Stunde unter dem Reizdarm-Syndrom leiden. Das bedeutet, dass der Leidensdruck der vom Reizdarm-Patienten im Allgemeinen recht hoch ist.

Je nachdem, welche Symptome beim Reizdarm-Syndrom im Vordergrund stehen unterscheidet man

  • den Verstopfungstyp,
  • den Durchfalltyp,
  • den alternierenden Typ (Durchfall und Verstopfung im Wechsel) und
  • sonstige, schwer einzustufende Verläufe.

Dabei durchlaufen 75 % der Patienten im Verlauf der Krankheit verschiedene Subtypen des Reizdarm-Syndroms.

Ursachen

Viele Faktoren können an der Entstehung eines Reizdarm-Syndroms beteiligt sein. Hierzu gehören u.a.:

  • genetische Faktoren,
  • das Immunsystem,
  • Umweltfaktoren,
  • Infektionen,
  • psychosoziale Faktoren und
  • das Nervenssystem.

Bis zu 85 % aller Patienten mit einem Reizdarm-Syndrom beschreiben, dass Stress ihre Verdauungsbeschwerden verschlimmert. Die meisten Patienten geben an, dass eine belastende Lebensführung ihrem Reizdarm-Syndrom voran ging. Ein ursächlicher Bezug ist zwar nicht gesichert, doch gibt es Hinweise, dass Stress bzw. besonders belastende Situation tatsächlich bei der Entstehung des Reizdarm-Syndroms eine Rolle spielen. Dies könnte insbesondere für den Krankheitsverlauf eine Rolle spielen.

Immer wieder wird auch nach Persönlichkeitsmerkmalen von Reizdarm-Patienten gefragt. Patienten mit einem Reizdarm-Syndrom weisen zwar Persönlichkeitsmerkmale auf, die sie von normalen gesunden Menschen unterscheiden, doch unterscheiden sie sich in ihren Persönlichkeitsmerkmalen nicht von anderen chronisch Kranken.

Etwa ¾ der von einem Reizdarm-Syndrom Betroffenen gehen überhaupt nicht zum Arzt. Bei dem Viertel, das zum Arzt geht, spielt die Psyche für den Verlauf des Reizdarm-Syndroms öfter eine wichtige Rolle. So kommen beispielsweise bei der Befragung durch den Therapeuten gehäuft psychische Traumata und Fälle von sexuellem Missbrauch (insbesondere bei Frauen) zu Tage. In diesen Fällen ist dann auch eine psychosomatische Betreuung zu empfehlen.

Therapie

Aus dem reichhaltigen Fundus der alternativen Therapiemöglichkeiten beim Reizdarm-Syndrom hat Herr Dr. Langhorst die Entspannungs- und die Ordnungstherapie näher betrachtet.

Psyche und Entspannungstherapie beim Reizdarm-Syndrom

Liegt ein Reizdarm-Syndrom vor, so bedeutet dies, dass der Patient bereits gründlich untersucht wurde, und keine gravierende organischen Ursachen für seine Beschwerden gefunden werden konnten. Insofern kann der Reizdarm-Patient beruhigt sein, dass alles abgeklärt wurde, und das keine bedrohliche Erkrankung dahinter steckt. Für viele Patienten ist es beruhigend zu wissen, dass das Reizdarm-Syndrom keinen Einfluss auf die Lebenserwartung hat.

Eine gezielte psychosomatische Therapie ist insbesondere bei den am Reizdarm-Syndrom Erkrankten wichtig, bei denen psychische Traumata oder sexueller Missbrauch in der Anamnese zu finden sind.

Selbsthilfestrategien, wie z.B. ein Patientenhandbuch, können die Beschwerden beim Reizdarm-Syndrom nachweislich bessern.
Es gibt Hinweise darauf, dass eine Verhaltenstherapie bei einigen Patienten mit Reizdarm-Syndrom hilft. Allerdings sind die Ergebnisse der bislang hierzu vorliegenden Studien uneinheitlich und es fehlen Langzeitbeobachtungen.

Im Bereich der Entspannungstherapie bieten sich zahlreiche Möglichkeiten, die entsprechend der persönlichen Vorlieben des Reizdarm-Patienten ausgewählt werden können. Zur Entspannung eignen sich z.B. Meditation, Diaphragmentales Atmen, Visualisierung, Yoga, Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen, Achtsamkeit, Autogenes Training, Qigong usw. Als alleinige Therapie reicht Entspannung beim Reizdarm-Syndrom zwar nicht aus, ist aber sicherlich eine sinnvolle Ergänzung in einem breiten Therapieansatz. Insgesamt ist die Studienlage zur Wirkung von Entspannung beim Reizdarm-Syndrom als noch nicht ausreichend zu bewerten.

Dagegen gibt es gute Studiendaten, die belegen, dass die Hypnotherapie beim Reizdarm-Syndrom erfolgreich hilft! So konnte gezeigt werden, dass etwa die Hälfte der Menschen, die an einem Reizdarm-Syndrom leiden, von der Hypnose profitieren, was als sehr gutes Ergebnis zu werten ist. Hypnose verbessert die Beschwerden im Magen-Darm-Trakt und verbessert die Lebensqualität.

Fazit: Entspannungstherapie, Verhaltenstherapie und Hypnose können sinnvolle Bestandteile einer Therapie des Reizdarm-Syndroms sein. Bislang lässt sich aber noch nicht vorhersagen, welcher Patient von welcher Therapie besonders profitieren wird.

Ordnungstherapie

Ähnlich wie das Reizdarm-Syndrom, zu dem sich schon bei Hippokrates erste Beschreibungen finden, gab es die Ordnungstherapie schon vor Christi Geburt. Verbunden ist die Ordnungstherapie mit Namen wie Hippokrates, Paracelsus, Hufeland, Kneipp, Bircher-Benner, Kabat-Zinn und Senn. Der Pfarrer Sebastin Kneipp drückte sich seinerzeit so aus: „Oft konnte ich den Menschen erst helfen, als ich Ordnung in ihre Seelen gebracht habe.“ Dies spiegelt den ganzheitlichen Ansatz der Ordnungstherapie wider.

Die Ordnungstherapie ist aus verschiedenen Modulen zusammengesetzt. Schwerpunkte der Ordnungstherapie sind eine Lebensstiländerung und eine dauerhafte Integration gesundheitsfördernder Elemente. Hierzu gehören u.a. Bewegung, gesunde Ernährung sowie Entspannung und Stressbewältigung. Auch wenn es dazu noch keine Studien gibt, beschrieb Dr. Langhorst aus seiner praktischen Arbeit heraus die Erfahrung, dass einzelne Patienten ausdrücklich von einer der Ordnungstherapie profitieren können. Dr. Langhorst empfahl Menschen mit Reizdarm-Syndrom eine leichte, individuell zusammengestellte Vollwertkost. Insbesondere sollte man individuell prüfen, ob Laktose, Fruktose, Gluten und Sorbit vertragen werden.

Arzt als Therapeutikum

Zum Abschluss seines Vortrags stellte Dr. Langhorst noch eine hochinteressante Studie zur Therapie des Reizdarm-Syndroms mit Scheinakupunktur vor. In dieser Studie wurden die Reizdarm-Patienten in 3 Gruppen eingeteilt:

  • In Gruppe 1 wurden die Patienten mit Scheinakupunktur behandelt, wobei sich der Therapeut den Patienten aufmerksam zuwandte.
  • In Gruppe 2 wurden die Patienten nur mit Scheinakupunktur behandelt, ohne dass sie Aufmerksamkeit durch den Arzt erhielten.
  • In Gruppe 3 standen die Patienten auf Warteliste, wurden also nicht behandelt.

Die besten Erfolge zeigten sich in der ersten Gruppe (Aufmerksamkeit + Scheinakupunktur).

Insgesamt lässt sich festhalten, dass 30-80 % eine Therapieerfolgs nachweislich durch den Einsatz von Placebos (Scheinmedikament bzw. -behandlung) erreicht werden können. Allein durch die Betreuung durch den Therapeuten kann die Selbstheilung des Körpers positiv beeinflusst und die Beschwerden verbessert werden. So gesehen ist der Therapeut ein hocheffizientes Therapiemittel. Deshalb ist es wichtig, dass die Chemie zwischen Arzt und Patient stimmt.

Literaturquellen

  • Kaptchuk, Ted J. et al.: Components of placebo effects randomised controlled trial in patients with irritable bowel syndrome. British Medical Journal 2008;336:999-1003
  • Langhorst, J., Live Mitschnitt vom Vortrag auf der 43. Medizinischen Woche Baden-Baden (2009): Ordnungstherapie und Entspannungsverfahren beim Reizdarm-Syndrom.
  • Luczak, Hania: Wie der Bauch den Kopf bestimmt. GEO Magazin 11/00

Vortragender: Priv.-Doz. Dr. med. Jost Langhorst, Essen
Dr. Langhorst arbeitet als leitender Oberarzt in der Abteilung für Innere Medizin V, Naturheilkunde und integrative Medizin der Klinken Essen Mitte.
Redaktion: Dr. rer. nat. Inge Ziegler

Kommentare

Isabel, 27.05.2016:
Ich finde Yoga auch super und es regt auf jeden Fall meine Darmtätigkeit an. Seit ich weiß, wie man sich richtig hinsetzen sollte aufm Klo für eine optimale Darmentleerung, geht es meinem Körper richtig gut und diese gesunde Darmflora spiegelt auch mein ganzheitliches Wohlbefinden wider. Ich hocke einfach im 35 Grad Winkel für eine rückstandslose Darmentleerung. Wir sind einfach anatomisch für den Hockgang gemacht und ich bin froh, dass mir eine Bekannte das Buch "Darm mit Charme" geschenkt hat. Darin werden einfach noch einmal die Vorteile des Hockens erläutert. [...]
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