Qigong bei Krebs - „Ja, ich pack es an!“

Qigong bei Krebs

Qigong ist ein stiller, aber bisweilen sehr wirkungsvoller Weg. Auch bei Krebs kann Qigong ein stützender Begleiter sein. Mit Qigong können wir lernen, unsere Wahrnehmung zu schulen. Wir können unseren Blickwinkel ändern – fort von der Fixierung auf den bedrohlichen Tod, hin zu den Freuden des täglichen Daseins.

Übersicht: Krebs

Autor/en dieses Beitrages:
Dr. Zuzana Šebková-Thaller, Qigong-Lehrer/in aus Augsburg

Qigong bei Krebs - „Ja, ich pack es an!“

Qigong ist ein stiller, aber bisweilen sehr wirkungsvoller Weg. Gerade auch bei Krebs hat sich nach der Erfahrung von Dr. Zuzana Šebková-Thaller Qigong als stützender Begleiter bewährt. Mit Qigong können wir lernen, unsere Wahrnehmung zu schulen. Wir können unseren Blickwinkel ändern – fort von der Fixierung auf den bedrohlichen Tod, hin zu den Freuden des täglichen Daseins. So kann Qigong den Umgang mit Krebs erleichtern. Die Lebensqualität der Krebspatienten kann spürbar verbessert werden. Und letztendlich kann dieser Gewinn an Wohlbefinden sogar die Heilungschancen erhöhen.

„Ja, ich pack es an“! – und das nach den ersten Qigong-Stunden. Welche Freude für mich! Welch ein Satz! Nicht immer drückt sich eine solche Entscheidung durch die Sprache aus – manchmal spricht ein strahlender Blick oder eine neue Körperhaltung. Klare Worte, entschiedener Blick, aufgerichtete Haltung, Wohlspannung im Körper sind klare Zeichen, die eine klare Entscheidung besiegeln: „Ich bin bereit, ich nehme die Herausforderung durch die Krankheit an“. Diese Zeichen markieren eine Wende, die ganz entscheidend ist auf dem Weg zur Heilung. Dann läuft alles einfach: diese Menschen haben sich hiermit meist nicht nur klar für ihren „Qigong-Weg“ entschieden. Sie haben gleichzeitig begonnen, ihre Tage klar zu strukturieren, haben unter ihren Beziehungen aufgeräumt, und sich für bestimmte Therapien entschieden. Sie haben ihr Leben in die Hand genommen.

In der Haltung des Körpers verrät sich der Zustand des Geistes. Durch die Körperbewegung spricht gleichsam des Körpers Stimme
(Ambrosius, 4. Jh.)

Der Beginn des neuen Wegs mit Qigong bei Krebs

Das sind die „Idealfälle“, von denen man gerne erzählt. Oft aber läuft es leider anders. Nichts ist so richtig klar. Der Schock der Krebsdiagnose und der Heilungs- und Überlebensstatistiken sitzt noch tief, nicht nur „im Nacken“, sondern in jeder Zelle und Pore. Die Leute kommen weiter zum Üben – und nur ihre sich langsam lösende Körperspannung verrät, dass in ihnen etwas passiert, was sie nicht wagen zu verraten. Als würden sie fürchten, mit ihren wachsenden Kräften auch die Kräfte der Krebskrankheit zu wecken. „Pst!“ Wenn ich ihnen meinen Eindruck sage, lächeln sie meist verlegen und weisen darauf hin, was sie noch nicht können. Ihr Lächeln aber verrät, dass sie es insgeheim wissen, und dass sie – auf diese Weise für die meisten Menschen um sie herum unerkannt – einen neuen Weg eingeschlagen haben und ihn nur weiter gehen können, wenn die Bürde der Erwartung, auch der eigenen, nicht auf ihnen lastet. Die Wege sind sehr verschieden und sie alle sind zu respektieren. Auch die Ergebnisse sind verschieden, und sie sind nur selten auf Qigong allein zurück zu führen, weil die Menschen nur ganz selten zu Qigong als einziger Therapie- oder Selbsttherapiemaßnahme auf ihrem Heilungsweg greifen. Und dennoch kann ich mit gutem Gewissen behaupten, dass Qigong bei all den Menschen, die ich in den 25 Jahren, in denen ich an Krebs erkrankte Menschen begleitet habe, positiv gewirkt hat. Nicht alle von ihnen sind wieder v6n ihrer Krebskrankheit genesen. Viele habe ich bis zu ihrem Tod begleitet. Qigong hat alle auf ihrem Weg gestärkt – dem einen hat es geholfen, seine Schmerzen besser zu bewältigen, dem anderen hat es die Angst vor dem Tod genommen, dem dritten hat es geholfen, besser atmen zu können und wieder anderen hat es ermöglicht, den Augenblick zu genießen und versöhnt und dankbar auf ihr Leben zurückzublicken.

Qigong und die Ganzheit des Menschen

All das ist, glaube ich, vor allem deshalb möglich, weil Qigong eine Methode ist, die den Menschen als Ganzheit wahrnimmt. Es gibt keinen vom Körper gelösten Geist, auch wenn er oft scheinbar selbstständig herumirrt. Es gibt auch nicht die losgelöste Seele, wenngleich sich manche sehr verlassen und einsam fühlen. Der Geist und die Seele brauchen den Körper, sonst gäbe es sie nicht, und der Körper braucht sie auch, sonst ist er seelenlos und geistlos – und das ist, was wir mitunter scheinbar erleben und was uns so zu schaffen macht. Die im Lebenslauf entstandene Trennung der drei Komponenten voneinander ist mitunter viel zu groß. Qigong hilft uns, alles zu einer heilenden Ganzheit zusammen zu führen.

Qigong bei Krebs, Quelle: Dr. Zuzana Šebková-Thaller
Qigong bei Krebs, Quelle: Dr. Zuzana Šebková-Thaller

Jede wesentliche Erfahrung ist ganzheitlich

Jede wesentliche Erfahrung ist eine ganzheitliche Erfahrung, die „durch Mark und Bein“ geht – das gilt für die schönen und tragenden Erfahrungen wie für die negativen und zerstörerischen. Es ist eine Tatsache, dass gerade Traumata und Sorgen sich wie ein Siegel den Körperstellen vor allem einprägen, die für die Vitalität, innere Lebendigkeit und Intuition eine entscheidende Rolle spielen  - dem Beckenboden und der Stirn. Der Beckenboden ist die wichtigste Energiepforte und Quelle; er ist aber auch das Sammelbecken des „Qi“ – der Lebensenergie. Von dort aus wird unser unteres Energiezentrum, das der Erde zugeordnet ist, versorgt. Mit ihm ist unser „Bauchgefühl“ verbunden, ebenso wie unsere Stabilität und Festigkeit im Leben und die Fähigkeit, in uns zu ruhen. Die Stirn ist die wichtigste Pforte zu unserem oberen Energiezentrum, dem so genannten Dritten Auge, dessen Wächter sie auch ist. Mit diesem Zentrum sind der „innere Blick“ und die Intuition verbunden. Geöffnet und miteinander verbunden werden die beiden Zentren durch das mittlere Energiezentrum, das dem Herzen angehört. Das Herz kann sich aber nur öffnen, wenn es keine Angst hat. Angst zieht das Herz zusammen und schüchtert es ein. Jeder kann es in sich gleich prüfen.

Ein Selbst-Experiment: Qigong erleben

Entspannen Sie sie sich mit Hilfe schöner Bilder: Ein sonniger Tag breitet seine Wärme aus und löst die Spannung Ihres Körpers. Sie sind mit allen Ihren Sinnen in Ihren Zellen anwesend und diese tun sich durch die Sonnenwärme auf – wie Blüten. Genießen Sie die Wahrnehmung, lassen Sie sich Zeit. Zum Schluss lassen Sie noch mit Hilfe der Vorstellung den Beckenboden richtig „erblühen“ – stellen Sie sich vor, dass er aus Tausenden von kleinen Blüten wie die Holunderblüten oder die der Schafgarbe besteht. Dann lösen Sie auch mit Hilfe des Inneren Lächelns noch die Spannung der Stirn – dann lösen sich die Sorgen wie die Wolken am Himmel auf und die tiefen Furchen glätten sich. Beobachten Sie, was eine einzige Sorge mit der Stirn macht. Sobald Sie die Wirkung wahrgenommen haben, lassen Sie die Sonne aus den Wolken Ihrer Stirn wieder klar hervorgehen und schicken Ihre volle Aufmerksamkeit zum Beckenboden hin. Lassen Sie dieselbe Sorge aufkommen und fühlen Sie, was sie mit Ihrem Beckenboden tut. Die beiden Zentren sind miteinander verbunden. Wenn der Beckenboden wiederum „blüht“, runzeln Sie nur mit der Stirn und schauen, welche Wirkung dies auf den Beckenboden hat. Es ist erstaunlich – umso mehr, weil Sie jetzt nur eine kleine Sorge thematisiert haben. Große und andauernde Sorgen bohren sich tiefer ein, Traumata aber machen sich unsichtbar, indem sie sich vor allem im Beckenboden verfestigen.

Zum Schluss lächeln Sie zu ihrem Herzen und warten auf seine Antwort – die Organe reagieren, wie wir auch. Dann machen Sie dasselbe Experiment wieder: Sie müssen gar keine Sorge denken, es reicht, dass sich die Stirn zusammenzieht, und Sie spüren die Wirkung. Es wird „eng ums Herz“. Das alles spielt sich ab, ob wir es fokussieren oder nicht. Die Folge aber ist, dass der Körper - wenn die wichtigen Pforten nahezu undurchlässig sind - wenige Möglichkeiten hat, sich richtig zu regenerieren.

Qigong erweitert die Wahrnehmung, wodurch diese Zusammenhänge sichtbar werden,und bietet Möglichkeiten, die Blockaden zu lösen, den Energiefluss zu verstärken und zu harmonisieren.

Qigong bei Krebs, Quelle: Dr. Zuzana Šebková-Thaller
Qigong bei Krebs, Quelle: Dr. Zuzana Šebková-Thaller

Die Vieldimensionalität unseres Daseins mit Qigong erfahren

Mit Qigong lernen wir Menschen uns als die vieldimensionalen Wesen erfahren, die wir sind. Unsere Gestalt zeigt es uns. Die senkrechte Achse ist die Hauptachse: sie verbindet uns mit der Erde, die uns nährt und trägt, und mit dem Himmel, der uns von oben hält und führt - und mit allem, was wir mit dem Himmel verbinden – vor allem dem großen Geist und dem Göttlichen. Auf derselben Achse befinden sich die drei Hauptenergiezentren – das untere Energiezentrum – unser Energiespeicher, der Erde zugeordnet, das mittlere ums Herz und das obere im Kopfraum hinter der Stirn. Die Breitseiten unseres Körpers erschließen uns unsere geschichtliche Dimension: hinter uns sind die Zeit-Räume, aus denen wir kommen, vor uns Zeit-Räume, die wir erst betreten werden, dem Blick unserer Augen folgend. Über die Schmalseiten erfahren wir die Verbindung zu allen Mitmenschen. Zu den Seiten sind die Ohren gewachsen, damit wir auf einander horchen, und die Hände, damit wir uns an den Händen fassen können und gemeinsame Kraft spüren können. Die verbindende, alles öffnende und gleichzeitig alle Gegensätze ausgleichende Mitte – der Schnittpunkt aller Achsen - ist das Herz! Wenn wir unsere Gestalt ganzheitlich erfahren, haben wir den Schlüssel zum Dasein gefunden.

Qigong bei Krebs, Quelle: Dr. Zuzana Šebková-Thaller
Qigong bei Krebs, Quelle: Dr. Zuzana Šebková-Thaller

Die Fähigkeit zu reflektieren mit Qigong stärken

Diese ganzheitliche Gestalt haben wir zwar schon immer, nur wird es uns kaum bewusst, was das bedeutet. Allein durch die meditative Wahrnehmung unserer Gestalt wird den Menschen vieles klar über sich selbst. Zunächst überhaupt, dass sie so viele Dimensionen haben und dass sie sich nicht zwischen ihnen entscheiden müssen, sondern dass sie alle zu ihnen gehören und  zu bejahen sind. Und was bedeutet es, sie vom Herzen aus zu erschließen? Alles gehört geübt – auch das Gehen und das Sprechen mussten wir sehr viel üben, bis wir es einigermaßen gelernt haben. Nicht jede Dimension lässt sich gleich gut erschließen. Wie fühlt sich die Erde an, und wie der Himmel? Was macht es mit mir, wenn ich wahrnehme, wie meine Füße den Boden berühren, was macht es mit mir, wenn ich den Himmel wahrnehme – was nehme ich da wahr? Bei der Erde – die Festigkeit und Dichte, die es mir erlaubt, auf ihr zu stehen, ihre Farbe? Oder das Gras und die Bäume, die aus ihr hervorgehen? Oder ihre Tiefe, in die Wurzeln führen, ihre Schätze, die sie birgt, und die sie uns gibt, die wir ihr aber auch entreißen. Das Wasser, das auch zu ihr gehört und die Früchte – ja die ganze Nahrung – immer reicher wird unsere ganzheitliche Erfahrung von ihr. Und dasselbe passiert auch mit dem Himmel, der zunächst nur Bläue und Luft bietet, dann aber auch die Weiten, die Leichtigkeit, den Geist und das Göttliche ja auch und so weiter. Immer reicher werden alle Dimensionen.

Die Wechselwirkung– wie uns unsere Wahrnehmung verändert

Was machen diese Erfahrungen mit mir? Ich bin von ihnen nicht isoliert. Indem ich sie wahrnehme, gehe ich eine Verbindung mit ihnen ein –die Wahrnehmung einer festen und in sich ruhenden Erde schenkt mir auch Festigkeit, was mir mein Stand auch direkt zeigt, und die Wahrnehmung eines weiten Himmels voller Geistes gibt mir die Weite auch. Und wenn ich die beiden gleichzeitig wahrnehme, spüre ich meine Festigkeit und Schwere, die mich an die Erde binden, aber auch die Leichtigkeit und den „Sog“ des Himmels, der meine Wirbelsäule förmlich streckt. Die Verbindung zu den beiden richtet mich auf und gibt mir Kraft. Ähnlich verhält es sich mit den anderen Verbindungen, die uns unsere Gestalt weist. Das heißt. Es ändert auch mich, es verwandelt mich.

Qigong bei Krebs, Quelle: Dr. Zuzana Šebková-Thaller
Qigong bei Krebs, Quelle: Dr. Zuzana Šebková-Thaller

Dem Herzen begegnen und seine Energie entfalten

Und was passiert, wenn ich der Erde oder dem Himmel von der gemeinsamen Mitte aller Achsen - vom Herzen aus, begegne? Kann ich es überhaupt, oder muss ich nicht zunächst die Mitte kennen lernen und mich auf mein Herz einlassen? Denn muss es nicht einen Sinn haben, dass es gerade das Herz ist, das alles verbindet? Auf das eigene Herz horchen, seine Sprache kennen und verstehen lernen, einfühlsam hineinhorchen, mich langsam vortasten, mich um Einblicke und Einsichten bemühen. Das braucht Zeit. Haben Sie es schon mal probiert? Die Chinesen sagen: „Wo die Aufmerksamkeit ist, da ist Energie“. Durch unsere Anwesenheit im Herzen entfaltet sich die Energie unseres Herzens. Meist fühlt sie sich als „Wärme“ – „innere Wärme“ - an, so zumindest beschreiben es viele. Diese innere Wärme ergießt sich von dort aus über den ganzen Körper. Viele beschreiben es als „Sich öffnen“, „Sich lösen“, „Aufgehen“, „Erblühen“. Dieses „Aufgehen“ kann jeder auch von außen wahrnehmen. Die Übenden werden durch die eigene Herzensbegegnung oft „zu Tränen gerührt“. Sie erfahren, dass es sie verwandelt. Es verwandelt aber wiederum auch die Wahrnehmung von allen anderen Dimensionen. Die Erde, anstatt der festen, aus neutralen Stoffen bestehende Materie, als die „Mater“, die Urmutter von uns allen, die sich auf ihr tummeln, zu erfahren, berührt und bewegt uns wie die eigene Begegnung, weil statt Objektivität plötzlich Liebe zwischen uns ist, und alles, was dazu gehört – Dankbarkeit, Verantwortung, Herzlichkeit. Liebe verwandelt alles, entfaltet und öffnet alle Kanäle und macht sie frei, damit alles fließt. Der Austausch funktioniert auf der Grundlage der Liebe anders als zuvor: wir gehen nicht einfach nehmen, ohne zu fragen, wir können nicht auf Raub gehen und ausbeuten. Liebe entreißt niemandem etwas, Liebe will sich schenken und öffnet dadurch den Zugang zu anderen Herzen und weckt Resonanz. In Resonanz gehen heißt, auf dieselbe Weise, wie wir angesprochen werden, zu antworten, in eine Einladung einfach einzustimmen und „Ja“ zu sagen wie bei einer Hochzeit. Die Kraft der Resonanz kennen wir von der Stimmgabel her. Es ist keine additive Zusammenführung zweier Kräfte. Resonanz entfaltet ihre Kraft explosionsartig – einem Kernkraftwerk gleich! Wir sind stärker als alle Kernkraftwerke zusammen, wir müssen es nur begreifen und lernen mit den Kräften umzugehen. Unsere Gestalt sagt uns ja, wie. Von der alles verbindenden Mitte aus! Wie die Herzenswahrnehmung die Erde und unser Verhältnis zu ihr und zu uns selbst verwandelt, so werden alle Dimensionen, die mit dem Herzen erschlossen werden, verwandelt und der Energiefluss kommt in Gang, der Austausch beginnt wieder zu funktionieren und alles beginnt sich zu harmonisieren und zu normalisieren – bei manchen auf einmal, explosionsartig, bei anderen nach und nach.

Qigong bei Krebs, Quelle: Dr. Zuzana Šebková-Thaller
Qigong bei Krebs, Quelle: Dr. Zuzana Šebková-Thaller

Qigong bei Krebs – ganz einfach ?!

Warum machen es denn nicht alle, wenn es so einfach ist? Weil es einen Haken hat. Man muss es selber tun. Gerade da, wo man sich schwach und erschöpft fühlt, in einer depressiven Stimmung steckt, soll man sich aufraffen, Entscheidung fällen und üben! Und es ist nicht mit einmal getan! Eine ganzheitliche Erfahrung braucht Zeit, braucht Hingabe. Der Geist erfasst alles schnell, aber es dauert, bis sich das, was er erschaut, den Körperzellen einprägt, sich dort verfestigt und zu ihrem „inneren Wissen“ wird. Das Körpergefühl im Augenblick der Diagnoseüberbringung und anderer schlimmen Erfahrungen sitzt noch in den Knochen. Genauso tief und ganzheitlich müssen die neuen Erfahrungen werden, damit wir auf ihnen unseren Heilungsweg bauen können.

Wie schwer es manchmal ist, sich ganzheitlich zu erfahren, zeigen folgende Meldungen zweier übenden Teilnehmerinnen: „Wenn ich nach hinten wahrnehme, spüre ich Schmerzen im Brustkorb, als ob mich ein Speer durchbohren würde“ - „Wie kann ich meiner Herkunft mit dem Herzen begegnen, wenn ich es gerade geschafft habe, meine Vergangenheit von mir abzutrennen?“ Schwere Lösungsprozesse werden durch das Üben in Gang gesetzt. Sie verlangen nicht nach intellektuellen Lösungen. Sie wollen nur Anwesenheit. Immer wieder wahrnehmen: meine Gestalt hat drei Achsen und ihre Mitte ist das Herz. Immer wieder einfach dem eigenen Herzen die Aufmerksamkeit schenken. Manche Herzen sind verstummt, weil wir ihnen kein Gehör schenkten. Aber jedes Herz beginnt irgendwann einmal zu sprechen, wenn es Aufmerksamkeit verspürt. Es kommt darauf an, im Herzen mit allen Sinnen einfach anwesend zu sein; seine Sprache zu verstehen lernen; ihm zu sagen, dass wir es nicht bedrängen, und wenn es schweigt, dass wir mit ihm das Schweigen genießen werden. Im Herzen ruhen. „Wo die Anwesenheit ist, da ist Energie, wo die Energie ist, da ist Heilung“, sagt ein alter chinesischer Satz. Und irgendwann Mal passiert das Erschütternde: plötzlich schafft es das Herz und irgendein Zugang öffnet sich und das ist sichtbar für jedermann – plötzlich geht das Gesicht wie eine Blume auf, der Blick erstrahlt mit der inneren Kraft. Der Übende hat sich selbst angenommen, hat „Ja“ zu sich selbst gesagt! Es ist diese Kraft der Resonanz, die hier hervorbricht! Eine Frau erzählte dann: „Auf einmal habe ich gespürt: die Alten haben es nicht besser gewusst, sie haben mir Schlimmes angetan, aber ohne sie wäre ich nicht hier. Mir ist klar geworden – es sind nicht nur meine Eltern, die ich im Rücken habe, es sind unendlich viele Menschen hinter mir, die litten und liebten. All das prägte meine Eltern, es prägt auch mich. Wir sind alle verbunden und ich gebe auch all das weiter, was ich bin. Ich gebe es in Liebe weite, und sehe jetzt schon, dass einiges davon meine Kinder belasten wird. Ich hoffe, dass sie spüren werden, was ich jetzt erfahre, nämlich dass die Liebe größer ist als das Schwere, das sie auch von mir erben werden. Ich kann nichts anderes geben als das, was ich bin, aber das ist genug! Ich hab plötzlich Liebe zu allem verspürt, zu allen Blumen, Bäumen und der ganzen Natur, zur Erde, die uns Menschen ertragen muss, zu Gott, an dem ich so oft zweifle, zu meinem Exmann, den ich verlassen habe und zu mir selbst, zu allen meinen Zellen, die meine Negativität so lange ertragen mussten!“

Gerade die Sagittale Achse, die uns in den Zusammenhang der Geschichte stellt, bereitet vielen große Probleme. Vor allem die Räume hinter uns lassen sich selten liebevoll begehen. Diese Kraft im Rücken brauchen wiraber, um sichere Schritte nach vorne setzen zu können. Der Blick unserer Augen führt die Schritte. Er fixiert flink die Ziele, die wir verfolgen und fixiert auch unsere Gegner und konfrontiert - denn es ist auch die Achse der Auseinandersetzung. Dieser Blick, der ganz wichtig ist für das Überleben, ist aber verhältnismäßig „engstirnig“. Erst der Blick des Herzens weitet ihn und stellt damit alles in einen größeren Zusammenhang. Dieser Weitblick ist der Nährboden für Visionen. Visionen brauchen wir alle – des Tages, des Jahres, des Lebens und der Nachfolger. Ohne Visionen sind wir orientierungslos und das Leben verliert seinen Sinn. Auch die Weisen des Morgenlandes folgten ihrem „Bethlehem-Stern“. Jeder von uns braucht einen solchen Stern. Spürt das Herz im Rücken nicht genügend Sicherheit, kann es sich nicht nach vorne öffnen. Dann steht es auch schlecht um Visionen. Deshalb ist es wichtig, den Zugang zu der Kraft der geballten Erfahrung unserer Herkunft zu öffnen.

Es muss sich nicht immer um Schwierigkeiten mit unseren Vorfahrern handeln, es können genauso unsere eigene Erfahrungen sein, die unser Herz traumatisch verschließen. Eine Teilnehmerin schilderte, wie ihr die zwei Jahre zuvor erfahrene Krebs-Diagnose auch die Vision nahm: „Aus lauterem Himmel die Nachricht: `Sie haben Gebärmutterhalskrebs.´ Die Prognose... Sie schnürte mein Herz zusammen. Der Atem blieb in der Kehle stecken. Dann stand ich draußen im Gang. Da wimmelte es vor Leuten. Ich war allein. Alles, was anstand, verlor an Bedeutung – Urlaub mit meinem Mann, der Besuch meiner schwangeren Tochter. Werde ich ihr Kind überhaupt noch erleben? Jede Art von Ausblick oder Vision verschwand und kam nicht mehr zurück. Seitdem habe ich auch keine Kraft mehr.“ Das beeinflusste in der Folge auch das Verhältnis zu den anderen Dimensionen. Es zog der Frau förmlich den Boden weg – sie fühlte sich völlig entwurzelt, und sie begann am Himmel und Gott zu zweifeln. Auch der Kontakt zu ihren Freunden litt darunter. „Von Gott und der Welt verlassen“ schleppte sie sich von einer Behandlung zur anderen. Bis eines Tages bei der Thematisierung ihrer eigenen Gestalt Tränen über ihre Wangen liefen. Später erzählte sie, dass es sie plötzlich so berührt hatte zu erfahren, dass sie allein durch ihre Gestalt mit allen und allem verbunden ist, und dass es ein wunderbares Geschenk Gottes an einen jeden Menschen ist, aber dass sie so blind war, dass sie es nicht wahrgenommen hatte – und zwar schon bereits vor ihrer Erkrankung. Sie staunte auch später immer wieder darüber, dass sie so alt werden musste, um dies zu begreifen und betonte, dass sie der Krankheit dankbar sei, sonst hätte sie dieses Glück vielleicht nie erfahren. - Ihr Zustand besserte sich zunehmend. Sie erlebte ihr Enkelchen und genoss es noch acht Jahre.

Die Wahrnehmung des Atems, die Qigong vornehmlich thematisiert, gehört auch zu den initiierenden Erfahrungen der Wende. Er kommt, ohne dass wir uns für ihn entscheiden müssen. Er schickt sich einfach und vollzieht sich und erhält uns dadurch am Leben. Was passiert aber, wenn wir ihn als ein Geschenk, das sich schickt, wahrnehmen? Über jedes Geschenk freuen wir uns, lächeln und danken. Das Geschenk des Lebens kommt unentwegt und wir beachten es kaum. Wissenschaftler konnten nachweisen, dass wir nur einen Bruchteil der Energie, die der Atem bringt, nutzen. Was passiert aber, wenn wir den Atem als das Lebensgeschenk begrüßen, ihn wie einen Freund anlächeln, uns bei ihm bedanken, wenn wir ihn wie einen Freund in unser „Körperhaus“ einladen und ihm stolz alle Kammern unseres „Hauses“ zeigen, seine Anwesenheit genießen? Probieren Sie es, liebe Leser, und berichten Sie! Dann werden die Körperräume weit und schön und auch ganz anders aufnahmefähig und durchlässig – und sie werden ganz anders genährt und auch gereinigt. Wir sind aber nicht nur Verbraucher – das Leben lebt vom Geben und Nehmen – der Atem beschenkt uns mit der Lebensenergie und wir ihn mit unserem „Inneren Lächeln“, das er wiederum weiterträgt – zu allen unseren Zellen und Poren und auch zu unseren Nachbarn und zu allen Wesen, mit denen wir unsere Erde bewohnen. Wir teilen alle unseren Atem – prägen ihn und werden von ihm auch geprägt.

Das sind die wesentlichen Dinge, die Qigong lehrt. Sie sind einfach und wesentlich. Sie könnten einwenden, um unsere Vieldimensionalität zu erfahren, brauchen wir kein Qigong. Das stimmt, aber die Wahrscheinlichkeit ist geringer, weil wir im Alltag aufgehen und selten uns die Zeit nehmen, uns als geordnete Ganzheit wahrzunehmen. Und noch seltener nehmen wir uns Zeit, in unser Herz einzukehren. Qigong erinnert nur daran und macht daraus eine Methode, auf die wir uns – wie auf jede Methode – verlassen können. Zu einer Methode können wir auch greifen, wenn es uns nicht gut geht, wie zu einem Stock, den wir ergreifen, wenn das Knie entzündet ist. Eine Methode schult uns und hilft, wenn alle Stricke reißen, wie der Ariadnefaden, aus Situationen heraus, die uns durch ihre Wucht überwältigen.

Hinzu kommen dann einzelne Übungen und Übungsreihen – im Stehen, Sitzen, Gehen, Liegen, sichtbar und unsichtbar. Einige sind bekannter, wie das Guo Lin Qigong, weil ihre Vertreter in der Verbreitung einen besonderen Eifer an den Tag gelegt haben. Einige andere sind weniger bekannt. Sie alle sind gut, weil sie ordnen – in Raum und Zeit – und aus der „Zerstückelung“ zu einer Ganzheit führen. Ihnen allen liegen die Achtsamkeit und die Öffnung des Herzens zu Grunde, die helfen, das Leben neu zu entdecken und zu schätzen. Geordnet, mit allem und allen verbunden, im Augenblick der Gegenwart ruhend, auf das Geschenk des Lebens mit „Ja“ antwortend – jeden Augenblick genießend, als gäbe es nur ihn. In der Vorstellungsrunde meiner traditionellen Intensivwoche „Qigong in der Therapie“ sagte eine Teilnehmerin: „Ich war vor einem Jahr schon dabei. Damals war ich bereits seit einem halben Jahr krankgeschrieben, vollkommen erschöpft und sah nur den Tod vor Augen. Was ich mitgenommen habe, war vor allem, den Fokus zu ändern – den Tag zu sehen mit allen seinen Geschenken – der Sonne und dem Regen, dem Wind und der Stille, mich an den Blumen am Fenster zu erfreuen und an den Menschen, die mich besuchen. Ich habe den Tod nicht vergessen, aber er rückte in den Hintergrund, und was gegenwärtig war, das war plötzlich das Leben selbst und ich gewann Freude daran. Jetzt arbeite ich wieder.“

Qigong bei Krebs, Quelle: Dr. Zuzana Šebková-Thaller
Qigong bei Krebs, Quelle: Dr. Zuzana Šebková-Thaller
Wahrnehmung und Qigong bei Krebs, Quelle: Dr. Zuzana Šebková-Thaller
Wahrnehmung und Qigong bei Krebs, Quelle: Dr. Zuzana Šebková-Thaller

siehe auch www.qigongweg.de

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen



Mailadresse dient möglichen Rückfragen durch die Redaktion.
Sie wird nicht veröffentlicht.


Wichtiger Hinweis:

Diese Inhalte dienen der Information und Orientierung. Sie können und sollen unter keinen Umständen den Besuch eines Arztes und die Konsultation medizinischer Beratung oder professioneller ärztlicher Behandlung ersetzen.
Der Inhalt von naturheilmagazin.de kann und darf nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen zu beginnen. Im Übrigen verweisen wir auf die Geltung unserer Allgemeinen Geschäftsbedingungen AGB

Krankheiten A-Z