Anorexia nervosa
Einführung
Einführung
Aus Alice im Wunderland: "Bitte sag mir, welchen Weg ich gehen soll! Das hängt davon ab, wohin Du willst." Wir haben für Sie, liebe Leserinnen und Leser, eine Kinder- und Jugendtherapeutin zu dem Thema hinzugezogen, die immer wieder an den entscheidenden Stellen zu Wort kommen wird. Wir möchten Ihnen gerne zeigen, in welch vielfältiger Weise das Krankheitsbild betrachtet werden kann. Die „Magersucht" ist in ihren Ausprägungen und Ursachen so komplex, dass wir der Meinung sind, dass ein direktes Nebeneinander von jeweils gültigen Aussagen dem Thema am ehesten gerecht wird. Das griechische Wort, anorektein– keinen Appetit haben, gab dem Krankheitsbild den Namen: Anorexia nervosa ist eine Essstörung, bei der aus seelischen Gründen das natürliche Verlangen nach Nahrungsaufnahme gestört ist. Zum ersten Mal dokumentiert wurde die Anorexie im 13. Jahrhundert: Prinzessin Margaret von Ungarn, die in einem Nonnenkloster aufgezogen worden war, verweigerte das Essen und arbeitete bis zur Erschöpfung, als sie erfuhr, dass ihr Vater sie mit einem geeigneten Thronfolger verheiraten wollte. Sie starb im Alter von nur 26 Jahren. Die über sie erhaltenen Unterlagen sind eine eindrucksvolle historische Dokumentation über einen klassischen Fall von Anorexie.
Definition
Definition
Die „Sucht nach dem Dünnsein" führt zu einer Essstörung, die einen absichtlich herbeigeführten und aufrechterhaltenen Gewichtsverlust nach sich zieht.
- Die Krankheit trifft vor allem junge Frauen (95 % Mädchen, 5% Jungen) zwischen zwölf und fünfundzwanzig Jahren. Etwa eine von vierhundert Frauen dieser Altersgruppe ist betroffen.
Die Patientinnen zwingen sich meist zu einer strengen Diät oder verweigern die Nahrung total. Oft beginnt die Essstörung nach der ersten Periodenblutung, wobei der Erkrankungsgipfel etwa zwischen dem 12. und 18. Lebensjahr liegt. Die Krankheit nimmt in den westlichen Industrienationen ständig zu. Immer häufiger sind auch Mädchen im Grundschulalter betroffen.
- Magersucht gilt als typische Erkrankung der leistungsorientierten Mittelschicht und trifft oft Menschen mit starker perfektionistischer Veranlagung.
Anorexia nervosa ist eine schwere und ernstzunehmende Erkrankung, die in 5 – 18 % der Fälle tödlich endet. Die Patientinnen weigern sich, das Körpergewicht im Bereich des alterstypischen Durchschnitts zu halten. Aus einer panischen Angst vor Gewichtszunahme wird das Essen oft völlig verweigert. Folge: Die Betroffenen „verdünnisieren" sich. Familienangehörige und Freunde machen immer wieder die Erfahrung,
- dass die Patientinnen keinerlei Krankheitseinsicht besitzen. Ihre Körperwahrnehmung ist dermaßen gestört, dass sie weder ihr Untergewicht registrieren, noch sich krank fühlen. Selbst wenn sie nur noch „Haut und Knochen" sind, fühlen sie sich zu dick.
- Magersuchtpatientinnen können die mit dem Untergewicht verbundenen Gefahren oft nicht mehr wahrnehmen.
Hierzu Gabriele Wurster: „Die Anorexie wird im Kern als schwerer Autonomiekonflikt mit narzisstischer Störung (Störung des Selbstwertgefühls) gesehen, der zum Teil von depressiven, hysterischen oder zwanghaften Komponenten begleitet wird. Das „psychosomatische" Krankheitsbild, der körperliche Verfall entsteht als sekundäre Folge einer psychischen Verweigerung. Sobald sich das Krankheitsbild im Körper etabliert, gleicht die Magersucht nicht mehr der „reinen" Psychoneurose, sondern es kann dann vom Übergang der anorektischen Reaktion zum Krankheitsbild der Anorexia nervosa als psychosomatischer Erkrankung gesprochen werden."
Diagnose und Symptome
Diagnose und Symptome
Sowohl die Weltgesundheitsorganisation als auch das psychiatrisch-diagnostische Klassifikationssystem der USA haben einen Katalog von Kriterien entwickelt, mit deren Hilfe eine Anorexia nervosa zuverlässig diagnostiziert werden kann. Das Symptom „Untergewicht" ist alleine nicht ausreichend, denn dahinter könnten sich andere und mehr organische Ursachen, z. B. Diabetes mellitus, Malabsorptionssyndrom (Darmerkrankung mit gestörter Aufnahme von Nährstoffen) oder Schilddrüsenüberfunktion verbergen.
Eine Anorexia nervosa liegt vor, wenn folgende Kriterien zutreffen:
Untergewicht | Das Körpergewicht wird absichtlich unterhalb des unteren Normwertes gehalten (um 15 % darunter bzw. Bodymass-Index < 17,5 (Körpergewicht in kg durch Körpergröße in cm mal zwei). |
Furcht vor Gewichtszunahme | Die Betroffenen leben in ständiger Angst vor dem Dickwerden. |
Verzerrte Körperwahrnehmung | Die Patienten fühlen sich trotz bestehendem Untergewicht als zu dick. |
Bei Frauen: Amenorrhoe | Ausbleiben von mindestens drei aufeinanderfolgenden Menstruationszyklen |
Diät | Der Gewichtsverlust wird durch die Vermeidung hochkalorischer Speisen herbeigeführt. |
Subtyp | Mindestens einer der folgenden Punkte trifft zu:
|
Körperschemastörung | Dazu Gabriele Wurster: „Es besteht eine Körperschemastörung in Form einer spezifischen „überwertigen" Idee, zu dick zu sein oder eine schlaffe Körperform zu haben." |
Als Nebensymptome treten oft ausgeprägte Verstopfung, ständiges Frieren, verlangsamter Herzschlag, niedriger Blutdruck, Neigung zu Wassereinlagerung und eine Verstärkung der feinen Körperbehaarung auf.
- Etwa jede dritte Patientin war vor Beginn ihrer Magersucht leicht übergewichtig.
- Die Gedanken kreisen ständig um Nahrungsaufnahme.
- Magersüchtige Patientinnen essen am liebsten alleine.
Folgen des chronischen Untergewichts
Folgen des chronischen Untergewichts
Eine Magersuchtpatientin ist chronisch unterernährt. Das hat vielfältige und gravierende Auswirkungen auf zahlreiche Stoffwechselfunktionen und geht bis zu lebensbedrohlichen Komplikationen:
- Kaliummangel kann lebensgefährliche Herzstörungen nach sich ziehen.
- Die erniedrigte Eiweißzufuhr mit der Nahrung führt zu Störungen in der Blutbildung und zu sog. „Hungerödemen", da die im Blut enthaltene Flüssigkeit durch den Eiweißmangel nicht mehr ausreichend in den Blutgefäßen gehalten werden kann und sich deshalb im Gewebe ablagert.
- Die Mangelernährung drosselt die körpereigene Östrogenproduktion. In der Folge bleibt die Menstruation aus. Da Östrogene auch die Einlagerung von Calcium in den Knochen fördern, führt der Östrogenmangel zu einer geringeren Knochendichte. Dadurch erhöht sich das Osteoporoserisiko erheblich.
- Der chronisch erniedrigte Östrogenspiegel führt auch zu Unfruchtbarkeit, die auch nach erfolgreicher Behandlung oft noch längere Zeit, in einzelnen Fällen für mehrere Jahre, fortbestehen kann.
- Die mangelnde Zufuhr von Kohlehydraten zieht einen chronisch erniedrigten Blutzuckerspiegel nach sich. Deshalb muss der Körper Zucker (Glucose) aus anderen Substanzen bilden. Dafür ist eine erhöhte Sekretion von Cortisol und anderen Hormonen erforderlich. Der Nachteil: Dauerhaft erhöhte Cortisolspiegel führen zu Haarausfall, Hautveränderungen, psychischen Erkrankungen und fördern zusätzlich die Entstehung einer Osteoporose.
- Sind die körpereigenen Reserven an Glucose aufgebraucht, kommt es vor allem bei körperlicher Belastung zu starken Unterzuckerungen, die je nach Schweregrad Bewusstlosigkeit, Hirnschäden oder sogar den Tod nach sich ziehen können, da das Gehirn durch den starken Glucosemangel Schaden erleidet.
- Bei einer ausgeprägten Magersucht sind beinahe alle wichtigen Laborwerte erniedrigt: Das gilt für den Blutzucker und reicht über Eiweiße, Calcium, Phosphor, Blutfette, Eisen, weiße Blutkörperchen, Blutplättchen für die Blutgerinnung bis hin zu den Schilddrüsenhormonen.
Ursachen
Ursachen
Bei dieser Erkrankung muss unumgänglich mit den ursächlichen Konflikten umgegangen werden, eine symptomatische Behandlung, wie es oft bei den „rein körperlichen" Krankheiten bisweilen der Fall ist, reicht bei weitem nicht aus und verändert auf Dauer nichts am Zustand.
Gabriele Wurster: „Es muss immer sorgfältig im Einzelfall überprüft werden, welche psychodynamischen Überlegungen für die Patientin als zutreffend gelten. Die Genese der Essstörung ist durch ein Zusammenspiel biologischer, kultureller, familiärer und intrapsychischer Faktoren gekennzeichnet, die alle an der Entstehung der Essstörung beteiligt sind."
Die klinische Diagnostik betrachtet Anorexia nervosa als eine klassische psychosomatische Erkrankung.
- Die Ursachen sind deshalb auch im Bereich des Seelischen zu suchen. Magersuchtpatientinnen sind oft Frauen von überdurchschnittlich hoch entwickeltem und stark differenzierendem Intellekt.
- Gleichzeitig lässt sich eine ebenso überdurchschnittliche Verletzlichkeit auf emotionalem Gebiet beobachten.
Familienstruktur
In der Familie finden sich häufig enge Beziehungen, bei denen es jedoch unscharfe Grenzen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern gibt. Neben überstarken Abhängigkeiten voneinander lassen sich oft ausgefeilte Konfliktvermeidungsstrategien und ein Mangel an Privatheit der einzelnen Familienangehörigen feststellen. Oft ist eine Neigung zum Überbehüten von Seiten der Mutter vorhanden. Mit Interessengegensätzen wird eher rigide umgegangen. Die einzelnen Personen schaffen es oft nicht, mit Konflikten elastisch umzugehen und reife Lösungen zu erarbeiten, die den Gefühlen aller gerecht werden. Die Eltern wurden oft als dominierend und autoritär empfunden. In der Herkunftsfamilie von magersüchtigen Frauen lassen sich starr ausgeprägte religiöse und ethische Vorstellungen beobachten. Die Kinder wurden oftmals unter ein sinnen- und triebfeindliches Leistungsideal gezwungen. Die in der Familie herrschenden Werte sind oft stark ideologisch und nicht an den Bedürfnissen und am emotionalen Wohlbefinden des Einzelnen orientiert. An „Nestwärme" mangelt es.
- Magersüchtige werden oft als perfektionistische Musterkinder beschrieben. Sie sind angepasst, leistungsorientiert, gewissenhaft und gefügig, sog. „Herzeigekinder".
Die Zunahme familiärer Spannungen oder bestimmte Schwellensituationen führen irgendwann zum Ausbruch des Krankheitsbildes.
Auslöser
Typische Beispiele sind Schulwechsel, Beginn eines Studiums, Verlusterlebnisse, Hänseleien wegen des Körperbaus, pubertätsbedingte Situationen (Entwicklung eines Busens, Schambehaarung), Einsetzen der Periodenblutung, Lösung vom Elternhaus oder sexuelle Annäherungen von Seiten des anderen Geschlechts.
Gabriele Wurster: „Die Krankheit tritt meist in der Pubertät auf. Adoleszente müssen sich von Bindungen an Personen, die in der Kindheit eine größere Bedeutung für sie hatten lösen und neue Beziehungen eingehen. Bei Patienten, die an Anorexie leiden, können die Konflikte, die mit diesen Themen verbunden sind, aufgrund ihrer Entwicklungsstörung nicht lösen. Die seelische Krise wird dadurch ausgelöst, dass Vorstellungen vom eigenen Ich und die Wahrnehmung von körperlichen Veränderungen und Veränderungen im Bereich von triebhaften Bedürfnissen nicht mehr übereinstimmen (Körper-Ich). Als Abwehr wird das Ideal, ein geschlechtsloses, reines, autonomes Wesen zu sein, aufgebaut. Bei einer Untergruppe von Patienten können auch reale sexuelle Traumaerfahrungen vor Ausbruch der Erkrankung gefunden werden.
Zum einen richtet sich die Abwehr der jungen Frauen gegen die weibliche Sexualität und Identität. Die weibliche Rolle (weibliche Körperform) kann nicht übernommen werden. Auf der symbolischen Ebene zeigt die Aufnahme des Essens eine Parallele zur Aufnahme von männlichem Samen mit der Folge des „Dickwerdens" infolge Schwangerschaft. Über die Abwehrmechanismen Regression und Verschiebung werden genitale-sexuelle Impulse auf die orale Ebene verschoben. Die Angst vor der Sexualität wird dann zur Angst vor der Nahrungsaufnahme."
Eigenwahrnehmung
Magersuchtpatientinnen erscheinen oft reserviert und distanziert. Hinter der schüchternen, gehemmten und bisweilen ängstlich-nervösen Fassade verbirgt sich oft eine unsichere und sehr verletzliche Frau, die mit der Annahme ihrer weiblichen Rolle völlig überfordert ist. Vorbilder, die Weiblichkeit und Sinnlichkeit verkörpern, sind viel zu selten in positiver Weise erlebt worden und deshalb sind die Betroffenen davon überzeugt, diese Seiten in sich unterdrücken zu müssen. Die Abwehr gegenüber der eigenen geschlechtlichen Reife verhindert die Bildung eines autonomen Ichs als Frau. Dazu Gabriele Wurster: „Die weiblichen Patientinnen können sich nicht mit der Mutter identifizieren. Sie zeigen eine ambivalente Haltung zu ihr."
Magersüchtige Patientinnen lassen nicht nur nicht die Frau in sich leben, sie sprechen sich oft auch als Mensch ihre Existenzberechtigung ab. Die Mortalitätsrate der Anorexia nervosa ist erschreckend hoch: Etwa jede 10. Patientin stirbt an ihrer Krankheit.
Therapie
Therapie
Das größte Problem besteht in der mangelnden Krankheitseinsicht. Viel ist gewonnen, wenn die Patientin sich endlich für die Erkenntnis öffnet, dass sie definitiv zu dünn ist und eine Therapie braucht. Nicht nur, um gesund zu bleiben, sondern auch, um zu überleben.
Dazu Anja Müller: „ In der Regel haben die Betroffenen keine Kontrolle mehr über die meisten Bereiche ihres Lebens, da die entscheidenden Personen in ihrem Umfeld eine übergreifende Persönlichkeitsstruktur besitzen. Der einzige Bereich, wo sie noch das Gefühl haben, ihn kontrollieren zu können, ist der des Essens. Hier liegt ihre eigentliche Macht. Würden sie essen, gäben sie diesen letzten Kampf um Macht auf." Deshalb lügen betroffene Frauen oft bewusst, wenn es um Essen und Gewicht geht und sind bisweilen skrupellos unehrlich. Sie lassen Speisen verschwinden oder stecken sich vor der Gewichtskontrolle schwere Gegenstände in die Hosentaschen oder trinken sehr viel Wasser, um ein höheres Gewicht vorzutäuschen. Eltern und Therapeuten müssen die Frau damit konfrontieren, dass sie darum wissen. Das entlastet die Situation erheblich.
Deshalb bedeutet Essen für die magersüchtige Patientin Macht- und Gesichtsverlust.
Gabriele Wurster:„Die Abwehr des Essens deutet den Kampf gegen den Wunsch an, eins zu sein mit der Mutterfigur. Es scheint in der Erinnerung der Patienten übermäßige, infantile Wünsche an die Mutter zu geben, nicht genug bekommen zu haben. Symbolisch betrachtet, stellt sich der Konflikt so dar: bei der Einverleibung von Nahrung (Nahrung = Mutter) würde die Grenze zwischen Ich und Objekt aufgehoben. Das genau möchte die Betroffene aber vermeiden und kontrollieren.
Kampf um Autonomie bedeutet, sich sehr selbstunsicher zu fühlen, sich kontrolliert zu fühlen, reglementiert von Eltern und Umwelt. Nur diese Autoaggression des Hungerns vermittelt noch das Gefühl, die Sinnlosigkeit (nichts zu erreichen) überwinden zu können und etwas zu „vollbringen.
Ärztliche Betreuung und Gewichtsmanagement
Gute Erfolge lassen sich mit der Trias
1. Ärztliche Betreuung und Gewichtsmanagement
2. Einzel-Psychotherapie der Patientin
3. Familientherapie
erreichen.
Therapeutischen Vorgehensweise
Gabriele Wurster: „Es sollte bei erheblichem Untergewicht ein Gesamtbehandlungsplan erstellt werden. Ein stationärer Aufenthalt ist oftmals notwendig, um überhaupt psychotherapeutisch arbeiten zu können.
Stationäre Behandlung heißt heute modifizierte, konfliktzentrierte (psychoanalytische) Therapie mit Kombination mit einem verhaltenstherapeutischen Behandlungsprogramm (Verträge über Essgewohnheiten, Gewichtskontrolle usw.)
Anschließend kann die Pat. ambulant in Einzelbehandlung oder in Gruppenangeboten behandelt werden. Möglich ist auch bei einer erst beginnenden Anorexia mit einer ambulanten Behandlung zu beginnen und einen Klinikaufenthalt einzuschieben, wenn dies erforderlich wird.
Ernährung
Der Ernährung kommt bei Anorexia nervosa eine besondere Bedeutung zu.
In schweren Fällen ist zunächst eine künstliche Ernährung erforderlich, damit die Patientin wieder zu Kräften kommt.
Verdauung ist ein energiefordernder Prozess. Um „normale Nahrung wieder zu verkraften, braucht die Frau eine gewisse körperliche Robustheit.
Wichtig ist anschließend eine langsame Steigerung der Nahrungsaufnahme, um Unverträglichkeiten zu vermeiden. Dabei stehen leicht verdauliche Nahrungsmittel zunächst im Vordergrund. Lebensmittel mit einem hohen Anteil an Fett und Eiweiß werden oft nicht vertragen. Schädigungen der Darmschleimhaut durch Abführmittel und jahrelangen Nährstoffmangel sowie ein unzureichendes Vorhandensein von Lactase (milchzuckerspaltendes Enzym) führen dazu, dass Milch und Milchprodukte oft nicht vertragen werden.
- Ballaststoff- und kohlenhydratreiche Lebensmittel werden in der Regel gut vertragen, z. B. Vollkornbrot, Dinkelnudeln, Haferflockenmüsli, Obst, Kartoffeln, Gemüse etc.
Als Energiebedarf veranschlagt man für jeweils 10 kg Untergewicht einen Zuschlag von 20 % des normalen Tagesbedarfs. Das heißt:
- Die Patientin sollte etwa 2500 – 3000 Kalorien pro Tag zu sich nehmen. Die Nahrung sollte auf mehrere Mahlzeiten am Tag (ca. sechs) verteilt werden.
- Wichtig ist, dass die Speisen schmackhaft und appetitlich zubereitet werden.
Weniger geeignete Nahrungsmittel beim Kostaufbau sind:
- Hülsenfrüchte, Blattkohlsorten, wegen ihrer blähenden Wirkung
- Pilze, da sie zu energiearm sind
- Fleisch, Fisch und Wurst mit hohem sichtbaren Fettgehalt
- Mayonnaise, fettreiche Backwaren
- Magermilchprodukte
- Stark kohlensäurehaltige Getränke
Medikamentöse Therapie
Auch eine medikamentöse Therapie ist sinnvoll. Bei den meisten Anorexiepatientinnen bestand schon vor der Erkrankung eine Neigung zu chronischer Verstopfung. Dieses Problem verstärkt sich meist, wenn die Nahrungszufuhr wieder gesteigert wird.
- Gleitmittel wie Paraffinum liquidum, Quellmittel wie Leinsamen oder Haferkleie, osmotisch wirksame Substanzen wie Milchzucker, aber auch Miniklistiere wie Mikroklist unterstützen die regelmäßige Darmentleerung, ohne die Darmschleimhaut zu schädigen.
Mit der Zeit lernt der Darm wieder selbst zu arbeiten, so dass die unterstützenden Maßnahmen reduziert werden können.
Mangelzustände können durch Nahrungsergänzungsmittel ausgeglichen werden. Besser als synthetisch hergestellte Vitamine sind diejenigen, die in einem natürlichen Zusammenhang dargeboten werden und gut resorbiert werden können.
Phytotherapie
Mit Heilpflanzen lassen sich Appetit und Lebenslust gut unterstützen.
Z.B. mit den Urtinkturen von Absinthium (Wermut) und Centaurium (Tausendgüldenkraut).
- Wermut ist eine sehr bitterstoffhaltige Pflanze. Man setzt sie erfolgreich bei vegetativen Energiemangelzuständen ein, ferner bei psychovegetativen Schwächezuständen, Depressionen, Appetitlosigkeit und Verdauungsbeschwerden. Wermut steigert die Spannkraft des Magens und der Gallenwege und verbessert die Verdauung. Man bekommt wieder mehr Lust am Essen und am Leben. Da eine Wermuturtinktur sehr bitter ist, sollte man einige Tropfen in ein halbes Glas Wasser geben und vor den Mahlzeiten langsam schluckweise trinken.
- Tausendgüldenkraut ist eine Heilpflanze, die einer Magersuchtpatientin hilft, ihre leiblichen Bedürfnisse besser anzunehmen und zu respektieren. Der botanische Name Centaurium leitet sich von den Zentauren ab, den Doppelwesen zwischen Pferd und Mensch aus der griechischen Mythologie. Diese Wesen symbolisieren den Zwiespalt des menschlichen Daseins. Zentauren sind Wesen, die mit sich selbst nicht eins sind. Das Instinkthafte ihres Pferdeleibes steht in ständigem Konflikt mit dem Geisthaften, das sich in ihrem Menschenkopf abbildet, der das Streben nach Kultur, Schönheit, Harmonie und höheren Werten ausdrückt. Centaurium ist das Heilmittel für Menschen, die geistige Ideale auf Kosten ihrer körperlichen Bedürfnisse überbewerten. Im adjuvanten Einsatz neben Psychotherapie und anderen Maßnahmen hilft Centaurium der Magersuchtpatientin, ihre körperlichen Bedürfnisse zu anzunehmen, zu schätzen und in eine gesunde Balance mit ihren ideellen Wertvorstellungen zu bringen.
Einzel-Psychotherapie der Patientin
Die Trennung zwischen Einzelpsychotherapie und Familientherapie ist notwendig, weil die ärztliche Behandlung Strenge und Konsequenz nötig macht, während die psychotherapeutischen Behandlungsformen Verständnis und Empathie erfordern. Außerdem soll sich die betroffene Frau in der Einzeltherapie frei äußern können und Dinge zur Sprache bringen, die sie in Gegenwart der Eltern nicht zu sagen wagt.
Beide Therapieformen sollten von unterschiedlichen Therapeuten durchgeführt werden, damit es beim Behandler nicht zu Loyalitätskonflikten kommt.
In der Einzelpsychotherapie erlebt die Patientin eine Bezugsperson, die sie in ihrer Unsicherheit annimmt und es ihr möglich macht, in der Interaktion mit ihr neue Beziehungsmuster und Verhaltensweisen einzuüben, sich selbst besser zu spüren und ihre Gefühle deutlicher auszudrücken.
Familientherapie
In der Familientherapie steht weniger die Patientin im Mittelpunkt als das ganze „System Familie. Hier lernen alle Beteiligten eine offenere Form von Kommunikation und den direkteren Ausdruck von Gefühlen und Konflikten.
Gesündere Kommunikationsformen in der Familie führen oft zu einer deutlichen Verbesserung des Essverhaltens bei der Patientin.
Die Unterstützung der therapeutischen Maßnahmen durch die Familienangehörigen ist ein ganz wichtiger Faktor für die Genesung der magersüchtigen Frau. Wenn die Eltern nicht mitarbeiten, brechen die Patientinnen die Therapien viel häufiger ab. Innerpsychisch entsteht bei der betroffenen Frau dann ein Gefühl des „Wir wollen nicht, dass Du bist. von Seiten ihrer Familie. Kann sich die Patientin von ihrem Nicht-gewollt-Sein durch Eltern und Geschwister nicht emanzipieren, hungert sie sich im wahrsten Sinn des Wortes zu Tode.
Dazu Gabriele Wurster: „Anmerkung zur Familie: Gerade bei Jugendlichen steht die hohe Ambivalenz von Jugendlichen den Eltern gegenüber im Vordergrund. Für die Patienten sind meist zu Beginn der Behandlung Elterngespräche notwendig. Doch um den Autonomieprozess zu unterstützen, ist es in manchen Fällen ratsam, die älteren Jugendlichen allein zu behandeln und die Eltern auf andere Angebote (Gruppenangebote, Selbsthilfegruppen für betroffene Eltern) hinzuweisen.
Psychosomatik
Psychosomatik
Der Mediziner und Psychotherapeut Dr. Rüdiger Dahlke weist darauf hin, dass sich in der Magersucht ein Konflikt zwischen Geist und Materie, Reinheit und Trieb, Gier und Askese, Hunger und Verzicht, Egozentrik und Hingabe abspielt. Ein unerfülltes Verlangen kämpft mit der selbst auferlegten Verpflichtung zur Askese.
Der Magen ist psychosymbolisch betrachtet ein sehr weibliches Organ, da bei ihm das „Empfangen (von Nahrung) im Mittelpunkt steht. Wenn dieses Empfangen verweigert wird, man ihm sozusagen nichts geben möchte, können sich dahinter die Schwierigkeiten verbergen, dem eigenen Frausein und der Entwicklung einer fruchtbaren Weiblichkeit ausreichend Energie zu schenken. Das äußert sich in Widerstand gegen Sexualität, Weiblichkeit und dem Rundlicherwerden durch Schwangerschaft und Muttersein.
Die Heilung einer Magersucht geschieht durch das Annehmen des eigenen Frauseins, durch bewusstes Lernen von Nehmen, Empfangen, Loslassen und Hingabe. Wenn die Patientin erkannt hat, dass es ihr gut tut, den Elfenbeinturm körperloser Reinheit zu verlassen und kulinarisch und im umfassenden Sinne genießen zu lernen, ist schon viel gewonnen. Ihr Leben bekommt mehr Freude und Farbe, als vorher.
Psychotherapie, Ernährungstherapie und Medikamente unterstützen diesen Prozess. Daneben ist es wichtig, dass die Patientin sich neue weibliche Vorbilder sucht: Frauen, die mit Leidenschaft Frau sind, ihre Weiblichkeit und ihre Rundungen lieben, mit Lust ihre Kinder bekommen haben und in einer selbstbewussten Hingabe an Familie und Beruf ihre Verwirklichung erfahren.
„Bearbeitung: Sich als Frau annehmen (lernen); „Aussöhnungsübungen mit der Polarität (<< Sie heiß oder kalt, die Lauwarmen will ich ausspeien>>): engagiertes Nehmen und Empfangen (…) „den Elfenbeinturm körperloser Reinheit verlassen" (...) „erlöste Reinigungsübungen wie
- Fasten
- Schwitzen
- Ausscheiden
- Probeweiser Klosteraufenthalt, um das Askeseideal zu erleben
- Mit Konsequenz nach Einheits- und Gipfelerlebnissen streben
Übungen zur Verwirklichung der Mitte zwischen den Polen:
Tai chi, Töpfern auf der rotierenden Scheibe, Mandalamalen und Meditation." (…) „Das Ziel ist die Aussöhnung mit dem Frausein." (Dahlke 2002, S. 388)
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