Vortrag: Vom Leistungsträger zum Burnout-Patienten
Einführung
Einführung
In seinem Vortrag auf der medizinischen Woche in Baden-Baden zeigte der Umweltmediziner Dr. med. Kurt E. Müller, dass schon aus rein physiologischer Sicht Leistungsträger besonders oft an einem Burnout-Syndrom erkranken. Wer diesen Typ des Burnout-Patienten erkennt, kann das zur Vorbeugung und Behandlung des Burnout-Syndroms nutzen!
Vortragender: Dr. med. Kurt E. Müller, Hautarzt, Umweltmedizin, Kempten
Redaktion: Dr. rer. nat. Inge Ziegler
Was früher eine Rarität war, hat sich inzwischen massiv in unserer Bevölkerung ausgebreitet: das Burnout-Syndrom. In Deutschland sollen bereits 10-15 % der Bevölkerung unter dem Burnout-Syndrom leiden – darunter auffällig viele Leistungsträger unserer Gesellschaft. Das ist kein Zufall! Dahinter stecken die so genannten „Katecholamine“. Das sind Hormone und Neurotransmitter, (d.h. Botenstoffe, die Signale von einer Nervenzelle zur nächsten übermitteln), die vom Körper vor allen in Stresssituationen ausgeschüttet werden. Menschen mit erhöhter Aktivität der Katecholamine sind besonders leistungsfähig – und besonders gefährdet für das Burnout-Syndrom.
Woran erkennt man Menschen mit diesem Burnout-Risiko?
Woran erkennt man Menschen mit diesem Burnout-Risiko?
Hintergrund der erhöhten Aktivität der Katecholamine bei diesen Personen ist eine bestimmte Genvariante der so genannten COMT (Catechol-O-Methyltransferase), eines Enzyms, das an der Inaktivierung der Katecholamine beteiligt ist. Da die Katecholamine nicht richtig inaktiviert werden können, ist ihre Aktivität höher als erwünscht.
Die chronisch erhöhte Aktivität der Katecholamine prägt auch das Persönlichkeitsprofil dieser Menschen, die zunächst vor allem durch ihre hohe Leistungsfähigkeit auffallen. Hier einige wichtige Kriterien, die sich leicht aus der Wirkung der Katecholamine erklären lassen:
- hohe geistige und körperliche Leistungsfähigkeit
- große Ausdauer, späte Erschöpfung
- es fällt alles leicht
- gleichzeitige Erledigung viele Dinge
- schnelles Begreifen komplexer Sachverhalte
- Sprech- und Sprachbegabung, aber auch Redefluss (v.a. bei Frauen)
- Ungeduld, Rastlosigkeit, Hastigkeit
- sportlich vielseitig begabt, schlechte Teamfähigkeit
- alle Sinneswahrnehmungen sind gesteigert
- Aggressivität, verbal und körperlich
- leichtes Schwitzen
- keine Gewichtsprobleme
- Unfähigkeit zu Meditation, Yoga, Kontemplation etc.
- Erholung durch körperliche Aktivität
- geringes Schlafbedürfnis, Schlafstörungen
- hoher Verbrauch an Mikronährstoffen
- Metabolisierungsstörung (d.h. Störung im Stoffwechsel) von Katecholaminen, Medikamenten und Schadstoffen
Was machen Katecholamine?
Was machen Katecholamine?
Katecholamine, dazu gehören vor allem Adrenalin und Noradrenalin, sind wichtige Botenstoffe in unserem Nervensystem. Hier werden sie insbesondere zur Stressanpassung, aber auch zur physiologischen Dauerregulation verwendet.
Stresssituationen gab es schon immer. Bei unseren Vorfahren waren das vor allem Jagd- oder Fluchtsituationen. Hier leisteten die Katecholamine wertvolle Dienste: Alles was für die Bewältigung dieser Stresssituation benötigt wird, wird mit ihrer Hilfe besser durchblutet und aktiviert. So steigen die Herzschlagfrequenz und die Durchblutung der Skelettmuskeln und über die Lungen wird dem Körper mehr Sauerstoff bereitgestellt. Gleichzeitig werden innere Organe, insbesondere die Verdauung, auf Sparflamme heruntergefahren.
Was in einer zeitlich begrenzten Stresssituation sinnvoll ist, wird auf Dauer jedoch zum Problem. Menschen, die eine chronisch erhöhte Aktivität der Katecholamine aufweisen, sind zwar aufgrund der dauernden Alarmbereitschaft ihres Körpers zunächst besonders leistungsstark, auf Dauer aber werden sie krank. Das Burnout-Syndrom ist eine typische und logische Folge.
Katecholamine steigern die
- Sinneswahrnehmung
- kognitive Hirnleistung
- prozedurale Hirnleistung
- Handlungsgeschwindigkeit
- Aggressivität
- Panikreaktionen (Flucht)
Katecholamine haben darüber hinaus vielfältige Wirkungen auf das Immunsystem.
Wie können Katecholamine krank machen?
Wie können Katecholamine krank machen?
Katecholamine wirken u.a. auf das Immunsystem. So wird z.B. bei adrenergem Stress die Zahl der weißen Blutkörperchen (Lymphozyten), welche für unsere Abwehr wichtig sind, reduziert. Zudem fördert Noradrenalin das Wachstum von Bakterien. Durch die Hemmung der Abwehrfunktion bei gleichzeitiger Förderung des Bakterienwachstums können sich Infektionskrankheiten besser ausbreiten.
Chronischer Stress bzw. eine chronisch erhöhte Aktivität der Katecholamine kann daher die Chronifizierung von Infekten fördern. Dies kann z.B. bei einer Borreliose oder einem Eppstein-Barr-Virus passieren. Bei Infekten dieser Patienten bringt eine Behandlung mit Antibiotika wenig, weil der Patient auch dafür noch eine relativ gute eigene Abwehr bräuchte.
Da die COMT (Catechol-O-Methyltransferase) auch am Abbau von Arzneimitteln und von Schadstoffen beteiligt ist, ist zugleich die Entgiftung des Körpers beeinträchtigt. Zudem werden Stoffe aus der Umwelt, wie z.B. Metalle, leichter aufgenommen.
Darüber hinaus lassen sich verschiedene Wirkungen auf das Herz-Kreislauf-System feststellen: Es kommt eher zu einem leichten Bluthochdruck, zu Arteriosklerose und zu oxidativem Stress. Hier ist es gut, den Patienten z.B. auf Basis der oben beschriebenen Persönlichkeitsmerkmale, frühzeitig zu erkennen, um Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen.
Katecholamine senken direkt den Serotoninspiegel. Serotonin, das z.B. auch in Schokolade vorkommt, gilt als körpereigenes Glückhormon. Sinkt der Serotonin-Spiegel, kann es zu Depressionen kommen.
Auch der Melatoninspiegel sinkt. Melantonin ist wichtig für unseren gesunden Schlaf. Dementsprechend treten vermehrt Schlafstörungen auf.
Durch den erhöhten Katecholaminspiegel entstehen v.a. bei Frauen vermehrt Katecholöstrogene. Dadurch können humane Papillomaviren (HPV), von denen einige Stämme das Krebsrisiko erhöhen, schlechter abgewehrt werden. Dies bedingt ein erhöhtes Risiko für Gebärmutterhalskrebs.
Krankheiten, die durch die reduzierte Aktivität der COMT bedingt sein können sind
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen (hier kommen Sie zu Arteriosklerose und Bluthochdruck)
- Schlaganfälle
- erhöhte Infektanfälligkeit bis hin zu chronischen Infekten
- Psychose bei M. Alzheimer
- Schizophrenie
- Bipolare affektive Störungen (manisch-depressive Erkrankungen)
- Stress induzierte Psychose
- Depression
- Gebärmutterschleimhautkrebs
- Brustkrebs
Menschen mit COMT-Mangel
Menschen mit COMT-Mangel
Bei Menschen mit einem Mangel an COMT wird der Noradrenalin-Spiegel nicht – wie sonst üblich – kurze Zeit nach der Stresssituation wieder gesenkt. Er bleibt hoch. Dies führt zunächst zu einer erhöhten Leistungsfähigkeit. Daher sind Menschen mit einem COMT-Mangel überdurchschnittlich oft unter den Leistungsträgern unserer Gesellschaft zu finden.
Den Weg vom Leistungsträger zum Burnout-Patienten kann man bei diesen Menschen in 3 Phasen einteilen:
Phase | Kennzeichen | Physiologie |
|---|---|---|
I | hohe Leistungsfähigkeit | viel Noradrenalin, der Adrenalinspiegel sinkt. Hohes Verhältnis von Noradrenalin zu Adrenalin. |
II | nachlassende Leistungsfähigkeit | Noradrenalinspiegel beginnt zu sinken |
III | Leistungseinbruch, Burnout | wenig Noradrenalin |
Der Körper reagiert langfristig auf den hohen Katecholaminspiegel, indem er die Rezeptoren für die Katecholamine reduziert. In dieser Phase ist die Empfindlichkeit des Patienten auf Katecholamine verringert („Desensitivierung“). In der Phase der Erschöpfung, also beim Burnout, kommt es dann aber zu einer Erhöhung der Rezeptordichte, weil der Körper die Wirkung der Katecholamine wieder intensivieren will. In dieser Phase reagiert er dann sehr empfindlich auf Katecholamine (Denervationssupersensitivität). All dies ist in der Therapie des Burnout-Syndroms auf Basis einer verringerten COMT-Aktivität zu berücksichtigen.
Therapie
Therapie
Die Therapie von Menschen mit einer reduzierten COMT-Aktivität sollte nicht erst beginnen, wenn es zum Burnout-Syndrom gekommen ist. Bereits ein Nachlassen der Leistungsfähigkeit ist ein ernstzunehmendes Signal! Auf Basis der oben beschriebenen Kenntnisse lassen sich auch Therapieempfehlungen zusammenstellen.
- Bei Infekten bei diesen Patienten eher die körpereigene Abwehr unterstützen als Antibiotika einzusetzen.
- Wichtig ist es bei diesen Patienten dem oxidativen Stress zu begegnen.
- Exogener Stress, insbesondere auch Gifte aus der Umwelt wie Titan, PCB, Quecksilber usw. sollten möglichst weit vermieden werden, da der Körper nicht so gut entgiften kann.
Orthomolekulare Medizin
Mit Hilfe der Orthomolekularen Medizin kann man u.a. oxidativem Stress entgegenwirken und den erhöhten Verbrauch an Mikronährstoffen bei diesen Menschen ausgleichen. Sinnvoll ist die Substitution von
- Aminosäuren: Phenylalanin, Tyrosin, L-Tryptophan, S-Adenosylmethionin
- Vitaminen und Spurenelementen: Vitamin B1, B3, B5, B6, B12, Vitamin C, Folsäure, Mg (Magnesium), Zn (Zink), Ca (Calcium)
- natürliche Quelle für L-DOPA: Macuna puriens (Bohne)
Sport als Therapie
Menschen mit einer genetischen Verminderung der Enzymleistung der COMT benötigen regelmäßigen Sport. Der gewählte Sport muss Spaß machen. Diese Menschen erholen sich durch die richtige Aktivität. Geeignet sind vor allem solche Sportarten, bei denen es um die Bewältigung einer Sache geht und nicht um den Wettbewerb mit einem Gegner. Das würde diesen Menschen noch mehr Stress bereiten.
geeignete Sportarten | ungeeignete Sportarten |
|---|---|
Joggen | Mannschaftssportarten |
Langlauf | Sportarten mit direktem Gegner (Tennis, Tischtennis) |
Radsport | technisch diffizile Sportarten (Golf, Bogenschießen, Gewehrschießen) |
Tanzen | |
Klettern | |
Bergwandern |
Während der richtige Sport diesen Menschen Erholung bringt, sind Meditation, Yoga, Entspannung und Kontemplation für sie eher ungeeignet.
Psychotherapie
Psychotherapie ist bei diesen Burnout-Patienten sinnlos. Eine Verhaltenstherapie kann das komplexe Behandlungsprogramm jedoch sinnvoll ergänzen.
Vorsicht ist bei der Diagnose „endogene“ (d.h. von innen kommende) Depression geboten. Die Depression dieser Patienten basiert vielmehr auf einen Rückgang des körpereigenen Stimmungsaufhellers Serotonin. Bei dieser Form der Depressionen sind Medikamente nicht sinnvoll, keinesfalls sollten Serotonin-Wiederaufnahmehemmer eingesetzt werden.
Die oben beschriebene Diagnose und die daraus resultierenden Therapieempfehlungen sind ausschließlich bei Patienten mit einer genetisch bedingten Veränderung der COMT (homozygoter oder heterozygoter Polymorphismus der COMT) berechtigt. Diese Patienten verbrauchen ihre Ressourcen durch unentwegte Leistungsbereitschaft solange sie gesund sind. Der Zeitpunkt schwerer Erschöpfung beginnt mit dem Abbrechen der Noradrenalinproduktion.
Wichtiger Hinweis:
Diese Inhalte dienen der Information und Orientierung. Sie können und sollen unter keinen Umständen den Besuch eines Arztes und die Konsultation medizinischer Beratung oder professioneller ärztlicher Behandlung ersetzen.
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