Alkoholkrankheit und Alkoholabhängigkeit
Einführung
Einführung
Wer ein Leben lebt, das nicht seines ist oder Dinge tut, die er nicht tun will, wer eine Rolle spielt, die ihm nicht entspricht, wer seine Gefühle unterdrückt und in Strukturen feststeckt, in denen er nicht er selbst sein und seine innersten Empfindungen aussprechen darf, betreibt eine langsame, aber sichere Vergiftung seiner Seele, einen Selbstmord auf Raten. Solange das dem Menschen nicht bewusst ist und er nicht durchschaut, wie stark er seine Persönlichkeit verleugnet, übernimmt der Körper eine Indikatorfunktion, wie bei vielen Krankheiten.
Bei einigen Menschen entwickelt sich ein selbst-zerstörerischer Prozess und sie vergiften sich auf der stofflichen Ebene durch eine Abhängigkeit von einer psychotropen Substanz: Ethanol und verfallen dem Alkoholismus. Er ist die Kapitulation des Individuums vor sich selbst, das Aufgeben von Autonomie und Authentizität, von Vitalität, Lebenslust und der Bereitschaft, gegen Strukturen, die die eigene Lebendigkeit zerstören, immer wieder aufzubegehren. Alkohol ist der gefährlichste und untauglichste „Problemlöser“ schlechthin.
Wie stark in unserer Gesellschaft die Tendenz verbreitet ist, das Individuum von seiner persönlichen Verantwortung zu entbinden, zeigen neuere Untersuchungen, nach denen Wissenschaftler des Nationalen Genomforschungsnetzes NGFN in der Fachzeitschrift „Molecular Psychiatry“ behaupten, dass die Alkoholkrankheit zu 50 bis 60 % auf einer genetischen Disposition beruht und zwei Mutationen im CRHR1-Gen die Anfälligkeit zum gesteigerten Alkoholkonsum beeinflussen. Dieses Gen sei für ein Protein verantwortlich, welches bei der Verarbeitung von Stress und Steuerung von Gefühlen eine Rolle spielt. Selbst wenn diese Beobachtungen wissenschaftlich betrachtet korrekt sind, fragt man sich doch, wie lange es noch dauern wird, bis der Mensch vollständig als ein von seinen Genen programmierter Roboter dargestellt wird. Und ob es nicht vielleicht sinnvoller wäre, stärker die Seele als die genetische Struktur zu betrachten.
Der Alkoholiker indes versucht, die Härten des Lebens weicher zu machen und sehnt sich nach einer konfliktfreien Welt. Doch es gehört zur Polarität unseres Daseins, dass Leben nicht immer harmonisch verläuft. Es gibt Phasen, in denen Konfrontation, Abgrenzung und härteste Auseinandersetzung unumgänglich sind. Wir müssen die Welt bewältigen statt Weltflucht betreiben. Im Wort Bewältigung und im Wort Gewalt steckt das Walten als gleiche Wurzel: Es kommt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet: stark sein. Leben kann vom Individuum manchmal eine gewaltige Kraftanstrengung abverlangen. Die eigene Psyche dahingehend zu trainieren, dass sie stark genug ist, das Leben in seiner ganzen Konflikthaftigkeit zu bewältigen, ist der entschieden gesündere Weg als die Flucht in eine nur scheinbar heile Welt.
Definition
Definition
Die auch als Alkoholismus, Alkoholkrankheit, Alkoholabusus, Alkoholmissbrauch oder Trunksucht bezeichnete Krankheit ist definiert als körperliche Abhängigkeit von der psychotropen Substanz Ethanol. Diese Abhängigkeit entwickelt sich schleichend und verläuft progressiv. Beschaffung und Konsum von Alkohol stehen mehr und mehr im Focus der Aufmerksamkeit des alkoholkranken Patienten. Die Schulmedizin klassifiziert das Krankheitsbild als „Psychische Störung und Verhaltensstörung durch Alkohol“. Im Jahre 1951 hat eine Forschergruppe um den amerikanischen Psychiater und Biostatistiker Elvin Morton Jellinek an der Universität Yale ein bis heute gültiges Modell vom Verlauf der Alkoholkrankheit entwickelt. Jellinek wertete im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation mehrere tausend Fallgeschichten von Alkoholikern aus und fasste die Ergebnisse in seinem Werk „Disease concept of Alcoholism“ zusammen. Er unterschied fünf Stadien, von denen zwei, das Gamma- und Delta-Stadium, als krankhaft angesehen werden.
Typologisierung der Alkoholismusformen nach Jellinek
Typologisierung der Alkoholismusformen nach Jellinek
Art des Alkoholismus | Typ | Abhängigkeit | Kennzeichen |
|---|---|---|---|
Alpha-Typ | Trinkt bei Konflikten und Problemen wie Ärger, Überlastung und Überforderung | Phasenweise psychisch | Kein Kontrollverlust, Abstinenzfähigkeit noch vorhanden |
Beta-Typ | Gelegenheitstrinker, trinkt vor allem in Gesellschaft übermäßig (beruflich, Kameradenkreis, Sport, Clubleben) | Keine | Kein Kontrollverlust, Abstinenzfähigkeit noch vorhanden |
Gamma-Typ | Klassischer Alkoholiker, der keine Kontrolle mehr über seine Trinkmenge hat. Er ist allerdings in der Lage, zeitweise abstinent zu leben, was ihn glauben lässt, dass er seinen Alkoholismus noch unter Kontrolle hat. | Zuerst nur seelische Abhängigkeit, später auch körperliche Abhängigkeit | Kontrollverlust hinsichtlich der Trinkmenge, zeitweilige Abstinenz noch möglich |
Delta-Typ | Gewohnheitstrinker, der darauf achten muss, ständig einen hohen Alkoholspiegel im Blut zu halten, um funktionsfähig zu bleiben und im Alltag nicht von Entzugserscheinungen beeinträchtigt zu werden. | körperlich | Kontrollverlust hinsichtlich eines ständigen Alkoholbedarfs, unfähig zu abstinenten Phasen |
Epsilon-Typ | Episodisches, besinnungsloses Trinken bei seelischem Stress und psychischer Verstimmung („Quartalssäufer“). Dazwischen kann es kürzere oder auch längere Zeiträume geben, in denen nur wenig oder gar kein Alkohol getrunken wird. | seelisch | Kontrollverlust hinsichtlich der Trinkmenge, Abstinenzfähigkeit vorhanden. |
Die Entwicklung eines Menschen vom gelegentlichen Erleichterungstrinker bis zum körperlich abhängigen Alkoholiker verläuft in Stufen, die für ihn selbst und seine Familienangehörigen durchaus wahrnehmbar sind.
Entwicklung der Alkoholkrankheit
Entwicklung der Alkoholkrankheit
Zunächst ist jeder Konsum alkoholischer Getränke in westlichen Gesellschaften sozial motiviert. Man trinkt in Gesellschaft, wo Alkohol eine verbindende Funktion besitzt und das Herstellen von Kontakten erleichtert. Nach einer gewissen Zeit spürt der Alkoholiker durch das Trinken eine gewisse Entspannung, gefolgt von einer allmählichen Erhöhung der Alkoholtoleranz. Um sich erleichtert zu fühlen, braucht es aber immer größere Mengen. Diese Phase kann Monate oder Jahre dauern und ist für ihn selbst und seine Angehörigen noch relativ unauffällig.
Mit der Zeit fallen Gedächtnislücken auf („Filmrisse“). Der Alkoholiker kann sich plötzlich nicht mehr an Ereignisse der letzten Tage erinnern. Alkohol wird zu einer Medizin, die er immer dringender benötigt. Allmählich merken die Betroffenen, dass sie mehr trinken als der Durchschnittsbürger und schämen sich dafür. Man gewöhnt sich das heimliche Trinken an, muss dauernd an Alkohol denken, entwickelt Schuldgefühle, trinkt zunehmend gieriger (schnelles Herunterkippen der ersten Gläser) und vermeidet aus Scham jegliche Anspielungen auf Alkohol. Die Gedächtnislücken treten häufiger auf. Der zunehmende Kontrollverlust zeigt sich in einem unwiderstehlichem Verlangen nach mehr Alkohol, sobald das erste Glas geleert ist. Er setzt erst während und durch das Trinken ein und kann sich bei harmlosen gesellschaftlichen Anlässen ebenso ereignen, wie beim einsamen Absturz daheim. Als nächstes entwickelt der Alkoholiker eine beachtliche Phantasie und eine Fülle an Erklärungen, warum er trinkt. Er erfindet Ausreden und Alibis, um sich selbst und die Anderen glauben zu machen, dass er die Kontrolle über den Alkohol noch nicht verloren hat. Dies ist der Beginn seines Selbstbetrugs und des Betrugs gegenüber seiner Umwelt. Er entwickelt ein raffiniertes Erklärungssystem, das gleichzeitig seinen Widerstand gegen soziale Belastungen entschuldigen soll. Spätestens zu diesem Zeitpunkt fällt seine Alkoholkrankheit auch Angehörigen, Freunden, Kollegen und Arbeitgebern auf. Wenn Alkoholiker auf ihr Verhalten angesprochen werden reagiert er meist mit einem übersteigertem Selbstbewusstsein und einer auffälligen Großmäuligkeit. Während seine Selbstachtung im Grunde immer mehr abnimmt, verkauft er sich nach außen als Supertyp. Nach Meinung des Alkoholikers ist die Umwelt daran schuld, dass er sich mehr und mehr isoliert fühlt. Er entwickelt einen zunehmenden Selbsthass und versucht immer wieder, abstinent zu werden. Meistens vergeblich, weshalb er von Anderen allmählich fallengelassen wird. Das verstärkt seine Feindseligkeit und seine Isolation. Der Alkohol gewinnt eine noch stärkere Bedeutung, um mit der sozialen Vereinsamung fertig zu werden. Familienangehörige ziehen sich von ihm zurück und suchen vermehrt aushäusige Beschäftigungen, um so wenig wie möglich zuhause und damit in der Nähe des Alkoholkranken zu sein. Der Alkoholiker reagiert mit Aggression, kümmert sich fast nur noch um die Sicherung seines meist versteckten Alkoholvorrats, vernachlässigt sein Äußeres, seine Ernährung und entwickelt körperliche Erkrankungen, z. B. Magenschleimhautentzündung, Leberschäden, neurologische Symptome oder Impotenz.
Persönlichkeitsveränderung
Persönlichkeitsveränderung
Die Persönlichkeit des Alkoholikers ist durch Scham, Schwäche gegenüber seiner Sucht, Selbstmitleid und verlorene Selbstachtung so zerstört, dass er den Tag nur noch übersteht, indem er am Morgen schon trinkt. Er besitzt praktisch keine körperliche und moralische Widerstandskraft mehr und ist mehrmals in der Woche tagsüber betrunken. Denkvermögen und geistige Funktionen sind herabgesetzt. Er trinkt immer häufiger mit Personen unter seinem sozialen Stand. Wenn er keinen Alkohol zur Verfügung hat, greift er auf Kölnisch Wasser, Franzbranntwein oder Spiritus zurück. Doch die Wirkung des Rausches ist immer kürzer, das Alkoholbedürfnis immer stärker. Depressionen, Angstzustände, Kribbeln und Taubheitsgefühle, motorische Störungen, vor allem in den Extremitäten, treten auf. Trinken wird zur Obsession und dient der Aufrechterhaltung einer Pseudo-Stabilität. Spätestens in diesem Stadium kommt es immer wieder zu körperlich-seelischen Zusammenbrüchen, die eine sofortige Klinikeinweisung nötig machen, aber nicht selten im Suizid enden. 20 % aller Suizidtoten sind Alkoholiker.
Das andere „Endstadium“ einer chronischen Alkoholkrankheit ist das sog. Alkoholdelirium, ein extremer Verwirrtheitszustand mit Wahnideen, motorischen Störungen und hochgradiger Unruhe. Aufgrund der schweren toxischen Hirnschädigung kommt es zu einer irreparablen Zerstörung von Gehirnzellen. Das alkoholische „Korsakow-Syndrom“ ist eine Form der Psychose, die als Folgezustand einer schweren Vergiftung des Gehirns auftritt.
Diagnostik eines unübersehbaren Verfalls
Diagnostik eines unübersehbaren Verfalls
Alkoholismus ist ein Krankheitsbild, das so deutlich zutage tritt, dass es diagnostischer Kriterien an sich nicht mehr bedarf. Trotzdem hat die Schulmedizin sechs Kriterien für die Diagnose einer Alkoholkrankheit entwickelt. Sind drei von ihnen erfüllt, ist eine klassische Alkoholabhängigkeit vorhanden:
- Starker Wunsch oder Zwang, Alkohol zu trinken
- Kontrollverlust hinsichtlich Menge, Beginn und Ende des Konsums
- Körperliche Entzugserscheinungen bei Konsumstopp oder Konsumreduktion
- Toleranzentwicklung
- Vernachlässigung anderer Tätigkeiten, um Alkohol zu beschaffen, zu konsumieren oder sich vom Konsum zu erholen
- Weiterer Alkoholkonsum trotz bereits vorhandener körperlicher Spätfolgen.
Auch das C-A-G-E-Interview hat sich für die Diagnostik bewährt. Werden zwei der folgenden Fragen mit „ja“ beantwortet, liegt eine Alkoholkrankheit vor:
- C = Cut down: Haben Sie (erfolglos) versucht, Ihren Alkoholkonsum einzuschränken?
- A = Annoyed: Haben andere Personen Ihr Trinkverhalten kritisiert und Sie damit verärgert?
- G = Guilty: Hatten Sie schon Schuldgefühle wegen Ihres Alkoholkonsums?
- E = Eye Opener: Haben Sie jemals bereits morgens getrunken, um „in die Gänge zu kommen“ oder sich zu beruhigen?
Eine ausführlichere Differentialdiagnostik ermöglicht das „Trierer Alkoholismusinventar“ (TAI). Mit 90 Fragen werden die Parameter Schweregrad, Soziales Trinken, Süchtiges Trinken, Motive, Schädigung, sowie die Bereiche Partnerprobleme wegen Trinken und Trinken wegen Partnerproblemen abgefragt.
Weil die Leber durch den Abbau chronischer hoher Blutalkoholspiegel überfordert ist, erhöhen sich die Leberwerte Gamma-GT, GOT, GPT und die Alkalische Phosphatase. Bei Leberzirrhose sind Albumin, Gerinnungsfaktoren und direktes Bilirubin erniedrigt.
Ursachen für das Entstehen einer Alkoholkrankheit
Ursachen für das Entstehen einer Alkoholkrankheit
Neben der bereits erwähnten „genetischen Disposition“ gelten psychosoziale Faktoren als Hauptursache für das Entstehen einer Alkoholkrankheit. Wenn die Eltern Alkohol tranken, um Konfliktspannung abzubauen, sind ihre Kinder in stärkerem Maße gefährdet, ihre Probleme ebenfalls mit Alkohol zu „lösen“. In diesen Fällen ist das Suchtverhalten weniger vererbt als erlernt und abgeschaut.
Man(n) greift besonders gerne zur Flasche, wenn das eigene hohe Selbstbild von der Realität infrage gestellt wird. Alkohol ist eine Gesellschaftsdroge. Neben der „bürgerlichen Trinkkultur“ mit Wein, Sekt und Whisky, gibt es die proletarische mit dem gemeinsamen „Saufen“, aber auch das Feierabendbier in gehobeneren Schichten. Besonders fatal ist die Ansicht, dass nur trinkfeste Männer „echte Kerle“ und damit besonders männlich sind. Die Entwicklung eines Problembewusstseins für den Umgang mit Alkohol wird dadurch nicht gerade erleichtert.
Spätfolgen von Alkoholabhängikeit
Spätfolgen von Alkoholabhängikeit
Alkohol ist ein Zellgift, das Organe und Gewebe akut und nachhaltig schädigt. Ein einmaliger Alkoholmissbrauch kann vom leichten Rausch bei 0,5 – 1 Promille über das alkoholische Koma bis hin zum alkoholbedingten Tod führen, der bei einem Blutalkoholspiegel von 4 bis 7 Promille eintritt.
Chronischer Alkoholabusus führt zu typischen Organschäden wie Fettleber, Leberentzündung, Leberzirrhose, Bauchspeicheldrüsenentzündung und Diabetes mellitus. Weitere Erkrankungen sind Gicht, Hormonstörungen, Speiseröhren- und Magenschleimhautentzündung, Krebserkrankungen im Bereich von Nasenrachenraum und Kehlkopf, Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Impotenz und Anämie. Äußerlich kann sich eine gerötete Knollennase entwickeln.
Als neuropsychologische Defizite zeigen sich Konzentrations- und Gedächtnisschwäche, eingeschränkte Lernfähigkeit und Defizite in den Bereichen Vorstellungsvermögen, Zeitwahrnehmung und dem Entwickeln von Problemlösungsstrategien. Auch soziale Störungen wie Eifersuchtswahn und sexuelle Abweichungen werden beobachtet. Alkohol führt zum verstärkten Absterben der Purkinje-Zellen in der Kleinhirnrinde. Schwere motorische und neurologische Störungen sind die Folge. Sie reichen bis zu epileptischen Anfällen. Es ist wohl nicht übertrieben zu behaupten, dass chronischer Alkoholabusus die Persönlichkeit und den Stoffwechsel eines Menschen in den Totalruin treibt. Wer mit diesem Genussmittel nicht sehr wachsam und kontrolliert umgehen kann, ist meist gefährdeter als er ahnt – zumal das Bagatellisieren des Alkoholkonsums Leitsymptom einer bereits vorhandenen Alkoholabhängigkeit ist.
In Deutschland gibt es nach aktuellen Schätzungen mehr als vier Millionen alkoholabhängige Menschen, jeder dritte ist eine Frau. Weitere fünf Millionen konsumieren Alkohol in einer riskanten, d. h. suchtgefährdeten Weise. 2004 berichtete der Drogenbeauftragte der Bundesregierung von 40 000 Todesfällen als Folge von Alkoholmissbrauch – daneben erscheinen 1477 Tote als Folge von illegalem Drogenkonsum fast harmlos. Jährlich kommen 2 200 behinderte Kinder alkoholabhängiger Mütter zur Welt, etwa eine viertel Million Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene unter 25 Jahren sind stark alkoholgefährdet. Wer das „Drogenproblem Alkohol“ angesichts solcher Zahlen immer noch bagatellisiert, muss sich fragen, ob seine Realitätswahrnehmung wirklich noch in Ordnung ist.
„Die Einstiegsformen sind unterschiedlich. Männer trinken unter sich, Frauen lassen sich oft vom anderen Geschlecht zum Trinken verführen, wie Vogt sagt. Statt Bier oder Schnaps kippten Frauen lieber Wein, Sekt oder softe Mix-Getränke. Unterschiede, die mit der Zeit keine Rolle mehr spielen: Irgendwann geht es nur noch darum, zu trinken.“ www.lichtblick99.de/theabh3.html (zu Frauen und Alkohol: Flucht in die Sucht)
Alkoholabhängigkeit vorbeugen
Alkoholabhängigkeit vorbeugen
Das Abgleiten in den Alkoholmissbrauch ist auch eine Entwicklung, die viel mit dem Thema „Disziplin“ zu tun hat. Disziplin und Willensstärke sind Tugenden, die in den Jahrzehnten nach der 68er-Revolte ziemlich außer Mode geraten sind. Es galt als uncool, Disziplin zu verlangen oder gar durchzusetzen. Seitdem Bernhard Bueb, dreißig Jahre lang Leiter des Eliteinternats Schloss Salem, sein beachtenswertes Buch „Lob der Disziplin – Eine Streitschrift“ geschrieben hat (Ullstein Verlag, 2006), erfährt Disziplin nicht nur eine Rehabilitierung, sondern auch eine neue Wertschätzung und Renaissance. Man kommt im Leben eben nicht darum herum, sich selbst gegenüber auch einmal „nein“ zu sagen. Wer das nicht lernt, wird Opfer seiner mangelnden persönlichen Festigkeit und landet nicht selten in Gefühlen von Scham, Hass und Verachtung des eigenen Selbst. Der bekannte Satz des Paracelsus „Die Dosis macht´s, ob ein Ding ein Gift ist oder ein Heilmittel“ gilt auch für den Alkoholkonsum. Natürlich ist eine Pfanne Bratkartoffeln mit einem Glas Bier oder ein leckeres Pastagericht mit Rotwein ein köstlicher kulinarischer Genuss. Solange man sie bewusst zu genießen versteht, ist Konsum nicht nur ein großes Vergnügen, sondern auch für Körper und Seele in Ordnung. Aber es braucht eben eine gewisse Sensibilität, Stabilität und Selbstkontrolle, nach ein oder zwei Gläsern Bier oder Wein auch aufhören zu können. Als Faustregel für die Alkoholmenge, die die Leber eines erwachsenen Mannes verarbeiten kann, gelten eine Flasche Bier oder ein Viertel Wein – dieses aber auch nicht täglich! Frauen vertragen nur halb so viel. Bei diesen Überlegungen kommt noch ein anderer Aspekt ins Spiel: Je seltener man sich etwas gönnt, desto kostbarer ist der Augenblick, in dem man es genießen darf. Die Fähigkeit des Maßhaltens ist gleichzeitig ein Weg, ein Genussmittel wertzuschätzen. Wer nur ein Glas Wein in der Woche trinkt und dies in kleinsten Schlucken, wird ihn unendlich intensiver genießen als der Alkoholiker, der täglich zwei Flaschen konsumiert. Übrigens kann man auch ganz ohne Alkohol heiter sein und ein in jeder Hinsicht ausgeglichener Mensch.
Medizinische Betreuung beim Alkoholentzug
Medizinische Betreuung beim Alkoholentzug
Wer körperlich und seelisch vom Alkohol abhängig geworden ist, schafft den Absprung aus der Sucht oftmals nicht mehr aus eigener Kraft. Ist der Körper an die regelmäßige Zufuhr von Ethanol gewöhnt, kann der plötzliche Entzug mit lebensbedrohlichen Symptomen einhergehen. Deshalb sollte er stationär, unter ärztlicher Aufsicht und in einer Spezialklinik für Alkoholkranke durchgeführt werden. Dort bereitet man in der Regel auch die Nachbetreuung nach der Entlassung vor, wie Psychotherapie und Kontakt zu Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen.
Ein stationärer Alkoholentzug dauert 8 – 14 Tage. Typische Entzugssymptome sind Übelkeit, Nervosität, Schlafstörungen, extremes Verlangen nach Alkohol, Gereiztheit und Depressionen. Auch starkes Schwitzen, Zittern, Krampfanfälle und Halluzinationen können auftreten. Sie können im Einzelfall mit der kurzfristigen Gabe von Psychopharmaka erträglicher gemacht werden. Nach zwei Wochen konsequentem Alkoholverzicht hat der Alkoholkranke den Entzug überstanden und ist sein Körper vom Alkohol entgiftet. Doch „geheilt“ ist er nicht. Denn die Anfälligkeit für Alkoholsucht bleibt lebenslänglich bestehen. Es gibt Patienten, bei denen schon eine einzige alkoholhaltige Praline ausreicht, dass sie wieder rückfällig werden. Wer einmal Alkoholiker war und es geschafft hat, „trocken“ zu werden, braucht viel mitmenschliche und psychologische Unterstützung, um sein Leben auch ohne Alkohol in den Griff zu bekommen.
Alkoholabhängikeit - Naturheilkunde und mehr
Alkoholabhängikeit - Naturheilkunde und mehr
Es gibt zwei Heilpflanzen, die es dem Betroffenen leichter machen, während und nach dem Entzug, dem „Saufdruck“ gegenüber standhaft zu bleiben und die Leber bei ihrer Regeneration zu unterstützen: die pflanzlich-homöopathischen Urtinkturen von Hafer (Avena sativa Urtinktur) und Mariendistel (Carduus marianus Urtinktur). Hafer wird seit Jahrhunderten in Asien zur Opiumentwöhnung eingesetzt. Die Pflanze unterstützt den Patienten in seinem Bemühen, psychisch stabil und in seiner inneren Mitte zu bleiben. Die Versuchung, bei seelischen Spannungen wieder zur Flasche zu greifen, empfindet er unter Hafer-Therapie als weniger stark. Mariendistel ist die Heilpflanze schlechthin für die Regeneration des Leberfunktionsgewebes. Die von unten bis oben mit Stacheln versehene Pflanze stärkt auf der seelischen Ebene die Fähigkeit zur Abgrenzung – auch zur Abgrenzung gegen den Alkohol.
Daneben sind vor allem Persönlichkeitsentwicklung, soziales Training, die Erfahrung therapeutischer Gemeinschaft, das Einüben sozialer Kompetenzen, Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe (Anonyme Alkoholiker, Blaues Kreuz, Guttempler, Kreuzbund), systemische Familientherapie und das ganz praktische Einüben von „Alkoholvermeidung“ zentrale Bestandteile für die psychische Stabilisierung und eine dauerhafte Emanzipation vom Alkohol. Diese Emanzipation zu erreichen und zu bewahren ist ein lebenslanger Prozess. Er gelingt, wenn der Patient es schafft, sich seine „alkoholischen“ Denk- und Gefühlsmuster bewusst zu machen, sie zu erkennen, zu durchschauen und auszuhebeln. Im Zentrum steht das Erkennen, Aushalten und konstruktive Lösen von Konflikten – ohne Alkohol.
Die Zahnärztin Dr. Nadj-Papp ergänzt zur naturheilkundlichen Behandlung der Alkoholkrankheit: "Es gibt mehrere naturheilkundige Therapiemethoden zur Suchtbekämpfung. Die bekanntesten sind z.B. die Akupunktur (insbesondere die Ohrakupunktur) und die Homöopathie (klassisch oder symptombezogen), dazu, wie bereits erwähnt, die Sozio- und Psychotherapie und die Suche nach einem sinnvollen Ausgleich zur "Ablenkung" und "Ursachenbekämpfung", je nach Vorlieben und Ursachen, Sport mit festen Zielen oder lieber Entspannung (Qi-Gong, Autogenes Training etc.), Hobbys die einem Spaß machen. und die Hypnose, bzw. Selbsthypnose."
Ernährung bei alkoholgeschädigtem Stoffwechsel
Ernährung bei alkoholgeschädigtem Stoffwechsel
Chronischer Alkoholkonsum führt zu Mangelzuständen an Vitamin C, senkt den Cholinspiegel im Körper, reduziert den Cystein- und Glutathionspiegel in der Leber (Cystein und Glutathion schützen Leber und andere Gewebe vor Schäden durch hohen Alkoholkonsum, indem sie die Giftwirkung von Acetataldehyd aufheben, einem Abbauprodukt von Alkohol) und blockieren die Carnitin-Biosynthese. Carnitin ist eine wichtige Aminosäure für die Verbrennung von Fett zu Energie. Der Stoffwechsel wird im wahrsten Sinne des Wortes allmählich heruntergewirtschaftet.
Alkoholiker brauchen noch viel mehr als andere Patienten eine hochwertige Ernährung mit viel frischem Obst und Gemüse – am besten aus biologisch-dynamischem Anbau, ergänzt von fettarmen Milchprodukten. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung nennt in ihren Nährstoffempfehlungen bei starkem Alkoholkonsum vor allem die Vitamine A, C, E, B-Komplex, ferner Zink, Selen, Magnesium und Carnitin. Zur Verminderung von Alkoholgelüsten und Entzugserscheinungen haben sich Vitamin B1, Niacin, Glutamin, Taurin und Gamma- Linolensäure (dreifach ungesättigte Omega Fettsäure) bewährt. Während und nach der Entziehungskur ist eine Substitution dieser Substanzen durch hochwertige Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll. Hypoallergene und dadurch meist etwas hochpreisigere Produkte haben eine bessere Bioverfügbarkeit und sind Billigpräparaten vorzuziehen. An der Frage, ob und wie viel Alkohol ein Mensch trinkt, und wie er sich ernährt, lässt sich ablesen, wie viel Wertschätzung er seiner eigenen Persönlichkeit und seinem Körper entgegenbringt. Es lohnt sich, über diesen Aspekt zu reflektieren und diese Frage für sich immer neu zu beantworten.
Die Rolle des Umfelds bei der Alkoholkrankheit
Die Rolle des Umfelds bei der Alkoholkrankheit
In den Augen des Heilpraktikers für Psychotherapie Wolfgang Laub spielt das Umfeld bei der Alkoholkrankheit eine oft unterschätzte Rolle: "Zu beachten ist bei jedem Aspekt der Alkoholkrankheit, dass ein sehr großer Anteil des Problems nicht nur im Individuum selbst, also beim Alkoholkranken, liegt. Aus Sicht aktueller systemischer Modelle ist das Problem des Individuums meistens nur ein Indiz für ein Problem des gesamten Systems, z.B. der ganzen Gesellschaft. Sprachen früher Marxisten von der Religion als dem "Opium für das Volk", so sind dies heute Alkohol und andere Drogen. Statt gemeinsam für eine bessere Zukunft aufzustehen, eine bessere Umwelt, bessere Freizeitmöglichkeiten, Arbeitsplätze usw. zu schaffen, ist der Griff zur Flasche einfacher, den letztlich auch der Alkoholkranke zu verantworten hat. Schließlich greift er selbst zur Flasche. Kein anderer, nur er kann dies auch lassen. Man darf aber nie vergessen, dass die "Täter" oft auch Opfer, z.B. eines gesellschaftlichen - oder auch Familien-Systems, sind. Viele Opfer von Gewalt, Missbrauch, seelischer Verwahrlosung usw. greifen zur Flasche! Wenn man das vergisst, wird man die Alkoholkranken nicht angemessen würdigen und erreichen können. Man muss helfen, die gesamte Situation zu ändern.
Gerade junge Menschen trinken oft "nur" aus einer gesamten problematischen Situation im System (z.B. der Familie) heraus. In solchen Fällen muss auch den anderen am System beteiligten Personen geholfen werden, z.B. den trinkenden Eltern, denen Kinder beim "Lösen" von Problemen mit Alkohol u.U. nacheifern. Wenn Eltern schlagen, missbrauchen und dergleichen, muss von außen eingegriffen werden.
Das mag banal klingen, in der Praxis wird das Problem und seine Lösung aber noch viel zu oft allein am Individuum festgemacht! Das kann so weit gehen, dass das Leben eines Alkoholikers zerstört wird, weil mit starken und gefährlichen Medikamenten an ihm herumtherapiert wird. Nach der Therapie kommt der Alkhohlkranke dann wieder in die unveränderte häusliche Umgebung, wo er wieder geschlagen usw. wird. Und das Schlimmste: Der Alkoholkranke wird auch noch zum (alleinigen) "Täter" gemacht!
Hier ist äußerste Vorsicht in der Betrachtung, Diagnose und Therapie angebracht!"
Die Bedeutung der Alkoholkrankheit
Die Bedeutung der Alkoholkrankheit
Der psychosomatische Arzt Dr. Ruediger Dahlke weist darauf hin, dass der Alkoholiker die Tendenz besitzt, mit Alkohol Dinge herunterzuspülen, die für ihn im übertragenen Sinne zu schwer verdaulich sind. Wer schluckt, was er bekommen kann und offensichtlich keine Alternative mehr dazu hat, ist ein „armer Schlucker“. Hinter einer Alkoholabhängigkeit verbirgt sich die Sehnsucht nach menschlicher Nähe und einer konfliktfreien heilen Welt. Der Alkoholiker betreibt eine Form der Regression. Er ist von der Flasche so abhängig wie ein Säugling und erinnert auch mit seinem lallenden, strauchelnden Auftreten an ein unmündiges Kind. Der „Fluchtdroge“ Alkohol zu verfallen, ist Ausdruck von Unsicherheit, Schwäche und einer Verweigerung, erwachsen zu werden und Verantwortung für ein selbstbestimmtes Leben zu übernehmen. Der Weg aus der Alkoholsucht liegt im Annehmen jener Herausforderungen, die das Leben mit sich bringt. Auch die Beschäftigung mit spirituellen Fragen ist ein hilfreicher Weg. Im Neuen Testament gibt es die Geschichte, dass Christus über den See gegangen ist. Sie ist symbolisch zu verstehen: Auch wenn der zweifelnde Verstand sagt, dass eine Situation keine Tragfähigkeit besitzt, diese Situation aber sinnvoll und notwendig ist, kann man sich ihr aussetzen und die Erfahrung machen, dass sie einen trotzdem trägt. Leben braucht Risikobereitschaft. Wer sich um eines höheren Wertes willen sinnvollen Risiken aussetzt, wird die Erfahrung machen, dass er Boden unter den Füßen gewinnt. Existenz für sich genommen, sorgt für jeden und lässt niemanden fallen. Ihre Wege sind unerforschlich und verlaufen manchmal anders, als der Einzelne es für sich geplant hat. Doch die Tatsache, dass Leben etwas unglaublich Verlässliches ist, lässt sich erleben. So kann ein Urvertrauen wachsen, aus dem heraus jeder Konflikt gemeistert werden kann – in Freiheit und aus eigener Kraft.
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