Bulimie - wenn Körper und Seele leiden

Bulimie – wenn Körper und Seele leiden

"Erst futtern – dann erbrechen" ist typisch für die Bulimie, die vor allem junge Frauen befällt. Sie bleibt oft lange unbemerkt, da Betroffene meist normalgewichtig sind und ihr krankhaftes Verhalten geschickt verbergen. Der Psychotherapeut G. Egloff erklärt, warum Körper und Seele bei der Bulimie aus dem Gleichgewicht geraten und was man dagegen tun kann.

Autor/en dieses Beitrages:
Mag. Götz Egloff, aus Mannheim

Einführung

Die 17-jährige Hanna steht morgens vor dem Spiegel. Sie ist zierlich und schlank. Obwohl das jeder zu ihr sagt, hat sie das Gefühl, sie wäre zu dick. Sie kneift sich in die Hüften und bekommt eine hauchdünne Fettschicht zu fassen. „So kann ich nicht aus dem Haus gehen“, denkt sie sich, zieht einen weiten Pullover an und beschließt, heute nur Früchte zu essen. Nach einem langen Tag mit zwei Äpfeln und drei Mandarinen überfällt sie abends ein Heißhunger, der sie zwei ganze Tafeln Schokolade hinunterschlingen lässt. Sie schämt sich so sehr dafür, dass sie auf die Toilette rennt und sich erbricht. Danach zieht sich Hanna deprimiert zurück und möchte von niemandem angesprochen werden. Immer mehr Tage laufen so ab.
So oder ähnlich ergeht es vielen jungen Frauen, die unter einer speziellen Essstörung leiden: der Ess-Brechsucht, auch Bulimie genannt.

Was ist Bulimie?

Bei der Bulimie (Bulimia nervosa, Ess-Brechsucht) handelt es sich um eine Essstörung, die vorwiegend junge Frauen betrifft. In letzter Zeit erkranken aber auch häufiger junge Männer An Bulimie. Die Bulimie zählt zu den psychosomatischen Erkrankungen. Anders als bei der Anorexie (Magersucht) beginnt die Bulimie meist etwas später im Teenager-Alter. Das Alter des Beginns (Erstmanifestation) liegt überwiegend zwischen dem 16. und 19. Lebensjahr. Die Häufigkeit der Bulimie wird für Frauen zwischen 3 und 5 % angegeben (Gesamtprävalenz). Oft ausgelöst – nicht verursacht – durch Diäten, beginnen Jugendliche sich zurückzuziehen, erscheinen unruhig, manchmal auch aggressiv. Ein Kreislauf von Diätversuchen, die nicht zu dauerhafter Gewichtsreduktion führen, löst dann oft selbst herbeigeführtes Erbrechen aus, das sich verselbstständigt und später oft wie automatisch auftritt. Das Hungergefühl steigt dadurch dauerhaft an, und es beginnt ein Kreislauf von anfallsartigem Essen und Hungern, was Seele (Psyche) und Körper (Soma) immer mehr aus dem Gleichgewicht bringt. Oft stellt der Zahnarzt starke Karies fest, da beim häufigen Erbrechen die Zähne durch die Magensäure angegriffen werden. Voll ausgeprägt stellt die Bulimie eine lebensgefährliche Krankheit dar, die mit Depression und Isolation – bis zum Suizid – einhergehen kann.

Gewichtsfragen

Bulimie-PatientInnen sind meist normalgewichtig; sie würden gern nur ein paar Kilo abnehmen und glauben, dann wäre alles in Ordnung. Sie sind meist recht unauffällig, und dies nicht nur vom Gewicht her. Das Wohlfühlgewicht (sog. Set Point Gewicht) erleben die Bulimie-PatientInnen als greifbar nahe, erreichen es aber nicht. Zum sogenannten Idealgewicht ist zu sagen, dass man den früheren Broca-Index (Körpergewicht in cm minus 100) abgelöst hat durch den Body Mass Index (BMI), der sich errechnet, wenn man Körpergewicht durch [Körpergröße x Körpergröße] teilt. Normalgewichtige Frauen haben einen Wert von 19-24.

Persönlichkeit

Fast immer sind Bulimie-PatientInnen sehr leistungsstark, intelligent und ehrgeizig, ähnlich wie PatientInnen mit Magersucht. Sie müssen oft unter hohem Energieaufwand taktieren, um ihre Symptomatik im Verborgenen zu halten und ihre hochgesteckten Leistungsziele zu erreichen, die sich meist auf Schule, Studium oder Ausbildung beziehen. Die meisten Bulimie-PatientInnen wurden früh selbstständig, andererseits klammern sie oft an Bezugspersonen und können ihre Selbstschutzfähigkeit nur schwer mobilisieren. Hohe Erwartungen an sich selbst und an andere wechseln sich meist ab mit Distanz und tiefem Misstrauen.

Symptome

folgende Symptome treten bei einer Bulimie auf:

  • andauernde Beschäftigung mit Essen, unwiderstehliche Gier nach Nahrungsmitteln
  • Essattacken: meist sehr große Mengen Nahrung in kurzer Zeit
  • Versuch, dem dickmachenden Effekt von Nahrungsmitteln durch verschiedene ausgleichende Verhaltensweisen entgegenzusteuern: z.B. absichtliches Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln, Hungerperioden, Einnahme von Appetitzüglern, Schilddrüsenpräparaten oder Abführmittelen. Bei Diabetikerinnen kann es zur Vernachlässigung der Insulinbehandlung kommen
  • krankhafte Furcht dick zu werden und eine scharf definierte Gewichtsgrenze, die weit unter der medizinisch als "gesund" betrachteten liegt
  • oft Einstieg im jüngeren Alter mit Magersucht. Diese kann voll ausgeprägt gewesen sein oder eine verdeckte Form, mit nur mäßigem Gewichtsverlust und/oder einem vorübergehenden Ausbleiben der Regelblutung (Amenorrhö)

Manche Bulimie-PatientInnen machen exzessiven Sport, manchmal auch Leistungssport (sog. Sportbulimie) oder modeln. Nicht alle haben Ess-Anfälle, erbrechen sich aber dennoch nach normalen Mahlzeiten regelmäßig (atypische Bulimie).

Warnzeichen und Begleiterscheinungen

Erste Warnzeichen sind viele Diätversuche, Rückzug, Unruhe, manchmal Aggressivität. Dies können Hinweise auf die Entwicklung einer Essstörung sein, wobei diese Verhaltensmerkmale auch zur normalen Entwicklung junger Menschen dazugehören. Erst wenn mehrere dieser Verhaltensweisen über einen längeren Zeitraum anhalten, sollte dies als Alarmsignal und als Hinweis auf eine Bulimie verstanden werden. Auch gesteigerte Leistungsorientierung, Perfektionismus und Distanzwünsche können vorübergehende Phasen sein. Wenn jedoch Selbstwertzweifel, ein gestörtes Körpergefühl (oft Ablehnung des eigenen Körpers) oder Ekel das Leben zu beherrschen beginnen, sind dies möglicherweise Zeichen dafür, dass sich eine Bulimie entwickelt. Der Essensvorgang geht dann oft mit Schuld und Schamgefühlen einher, und Nahrung wird zum alles beherrschenden Thema.

Begleiterscheinungen der Bulimie

Zu den möglichen Begleiterscheinungen einer Bulimie gehören:

  • Karies,
  • Elektrolytstörungen (u.a. Kaliummangel),
  • Frieren,
  • Schwellung der Ohrspeicheldrüsen,
  • Wassereinlagerungen,
  • Regelstörungen (unregelmäßige Regelblutungen bis hin zum Ausbleiben der Regel: Dysmenorrhö/Amenorrhö),
  • Herz-Kreislaufstörungen, Verstopfung,
  • Missbrauch von Abführmitteln mit der langfristigen Gefahr von Nierenschäden usw.

Diagnose

Die Diagnose stellt bei einer Bulimie meist der Hausarzt oder Internist. Wenn sich dieser nicht sicher ist, ob eine Bulimie vorliegt, überweist er zu einem Facharzt für psychosomatische Medizin oder zur Psychotherapeutin. Diese kennen sich mit Essstörungen gut aus und können eine klare Diagnose stellen. Man kann dort übrigens auch direkt einen Termin machen, wenn man mit dem Hausarzt erst einmal nicht über die Bulimie sprechen will.
Die ersten vier der oben genannten Symptome müssen existieren, dass die Diagnose Bulimie gestellt werden kann.

Ursachen

Mit Erklärungen zu den Ursachen einer Bulimie muss man vorsichtig sein. Jeder Mensch und jede Familie ist unterschiedlich. Aus der Forschung jedoch weiß man mittlerweile, dass in Familien mit Essstörungen wie der Bulimie sehr oft schwierige Kommunikationsmuster herrschen. Manche Familienmitglieder scheinen zu anderen nicht zu „passen“. Oft ist der Leistungsdruck bei allen Beteiligten hoch: Beruf, Sport, Schule und Körper sollen „perfekt“ genutzt werden und zu Spitzenleistungen getrieben werden. Ob man damit gut leben kann, spielt meist keine große Rolle. Das Selbstwertgefühl von Bulimie-PatientInnen ist meist niedrig, obwohl diese oft viele Talente haben und auf ihre Umwelt durchaus attraktiv und sympathisch wirken können.

Beispiele von Patienten mit Bulimie

Jana F., 16 Jahre:
Jana berichtet von einer seit zwei Jahren anhaltenden Bulimie. Etwa alle drei Tage müsse sie sich drei- bis fünfmal übergeben, nachdem sie gegessen habe. Sie esse an diesen Tagen meist rauschhaft und übermäßig, danach habe sie diesen „Zwang“ sich zu übergeben. Bis zu Beginn der Bulimie sei sie immer wieder magersüchtig gewesen und habe nur sehr wenig und ausgewählt Gerichte mit wenigen Kalorien gegessen. Dies habe sie aber selbst gestört und sie sei dann dazu übergegangen, zunächst normal zu essen. Alsbald habe sie die Gewichtszunahme gefürchtet und sie habe probiert, sich nur gelegentlich zu übergeben, was sich dann aber verselbstständigt habe. Sie versuchte regelhaft nur Salate und Obst zu essen; alle zwei bis drei Tage müsse sie aber doch hochkalorische warme Mahlzeiten und Süßigkeiten essen, weil sie es sonst nicht aushalte. Sie wiegt 49 kg bei einer Größe von 1,65 m (BMI 17). Dies sei schon in Ordnung für sie, obwohl ihr 45 oder 46 kg noch lieber wären, weil sie „kleine Pölsterchen“ an den Hüften habe. Andere sagen ihr aber immer wieder, dass sie toll aussehe, was sie gar nicht verstehen könne. Des Weiteren benennt sie Probleme, Kontakte zu knüpfen bzw. aufrecht zu erhalten, da sie an den Menschen immer viel Ablehnungswertes feststelle. Ihr Drang nach Perfektion sei schon sprichwörtlich.

Elisabeta B., 24 Jahre:
Frau B. schlägt sich seit ihrer Teenagerzeit mit ihrem, wie sie meint, zu hohem Gewicht herum (54 kg bei 1,70 m Größe = BMI 18). Sie weiß nicht mehr, wann sie sich das erste Mal übergeben hat, schätzt dass es im 15. Lebensjahr war. Sie habe gemerkt, dass sie so Spannungen loswerden könne und es ihr danach „irgendwie besser“ ging. Mittlerweile findet sie dieses Verhalten „absurd“ und möchte es loswerden, obwohl sie auch ein bisschen Angst vor der Therapie ihrer Bulimie habe. Die Dolmetsch-Studentin versucht, sich „druckmäßig zu entlasten“ und will erst einmal eine intensive Therapie machen, bevor sie sich zu Prüfungen anmeldet. Ihre Leistungen sind im letzten halben Jahr infolge von Gefühlen zunehmender Belastung abgesackt. Früher war sie früher immer eine Einser-Schülerin gewesen. Sie will später noch Medizin studieren, der menschliche Körper interessiert sie besonders, aber auch das Innere und die Psyche. Ihr Freund und ihre Eltern machen Druck, sie solle erst mit ihrem Dolmetsch-Studium fertig werden. Da sie wegen ihrer Bulimie permanent mit „Essen und Kotzen“ beschäftigt sei, fürchtet sie nun, durch die Prüfung zu fallen, obwohl ihre Professoren ihre Leistungen als sehr gut einstufen.

Therapie

Ohne Therapie verschlimmert sich die Bulimie fast immer. Dass die Bulimie plötzlich von selbst verschwindet (sog. Spontanremission) ist extrem selten; Bulimie-PatientInnen spüren das auch intuitiv und scheuen dennoch lange den Weg zum Therapeuten. Dabei sind die Heilungs- oder Besserungschancen bei einer Bulimie relativ gut. In der Therapie werden einerseits meist schwierige Erfahrungen aus der Biographie der PatientIn aufgearbeitet; außerdem wird nach Lösungsmustern für Problem-Situationen gesucht und das Selbstwertgefühl gestärkt. Am Ende der Therapie sind viele Bulimie-PatientInnen überrascht, dass sie sich nicht mehr (oder seltener) übergeben müssen, gesünder essen und – ganz wichtig – entgegen ihrer Erwartungen nicht zunehmen.
Die psychosomatisch-psychotherapeutische Behandlung einer Bulimie kann sowohl ambulant (Facharzt für psychosomatische Medizin, Psychotherapeut, Psychoanalytiker) als auch stationär (Fachklinik für Psychosomatik und Psychotherapie) durchgeführt werden. Man sollte mit der Bulimie gut vertraute Therapeuten, Ärzte oder Heilpraktiker mit psychotherapeutischer Zusatzausbildung auswählen, mit denen man gut auskommt. Zum Kennenlernen werden meist 5-8 Probesitzungen vereinbart, danach kann die Bulimie-PatientIn entscheiden, ob man weitermachen möchte.
Oft sind bei einer Bulimie begleitende (adjuvante) Maßnahmen erforderlich: Gewichtsbetreuung durch den Hausarzt, Licht-Therapie (bieten manche Ärzte, Heilpraktiker und Psychotherapeuten an). Ebenso kann Familientherapie hilfreich sein. Die Wirkung begleitender Schüssler-Salzen wird diskutiert, ist bislang aber nicht nachgewiesen. Am Erfolgversprechendsten erscheint nach aktuellem Forschungsstand nach wie vor die psychotherapeutische Einzeltherapie. Lesen Sie nun mehr zu einzelnen Therapieverfahren.

Psychodynamische Therapie

Bei der psychodynamischen Therapie (= Tiefenpsychologie und Psychoanalyse) werden im Gespräch über einen längeren Zeitraum zentrale Konflikte aus dem Hier und Jetzt sowie aus der Biographie der PatientIn zum Thema gemacht. Die Therapie einer Bulimie dauert in der Regel mindestens ein Jahr, oft auch deutlich länger (zwei bis drei Jahre). Dies erscheint sehr lang, hat aber meist auch die gründlichsten Erfolge. Nicht selten sagen Bulimie-PatientInnen hinterher, dass sie nie gedacht hätten, dass sie so eine lange Therapie durchhalten würden, es sich aber gelohnt habe.
Vorteil: Die Bulimie-PatientIn kann sich in einer sicheren, haltgebenden Beziehung zum Therapeuten bzw. zur Therapeutin öffnen und hat somit einen Schutzraum zur Verfügung, in dem nur ihre eigenen Themen eine Rolle spielen. Die Lösung ihrer Probleme findet über das gemeinsame Klären eben dieser Themen statt. Dieser Prozess braucht, wie man aus der Forschung weiß, Zeit.
Nachteil: Nicht für jede Bulimie-PatientIn ist diese Therapieform geeignet. Manche profitieren mehr von kürzeren Therapieformen wie der systemischen Therapie oder der interpersonellen Kurzzeittherapie (s.u.).

Verhaltenstherapie

Hier wird davon ausgegangen, dass die Bulimie-PatientIn ein falsches Essverhalten erlernt hat. Innere Konflikte werden hier kaum thematisiert. Stattdessen versuchen die Bulimie-PatientInnen, meist über einen Zeitraum von einem Jahr, ein neues Essverhalten zu erlernen. Hierzu gibt es Übungen, Tagebücher und Hausaufgaben für die Bulimie-PatientIn.
Vorteil: sehr fokussiertes, zielgerichtetes Vorgehen, bei dem sich die Bulimie-PatientIn ohne Umschweife dem Verlernen der Bulimie-Symptome widmet.
Nachteil: Viele Bulimie-PatientInnen fühlen sich hier fehl am Platz, weil sie den Eindruck haben, in kurzer Zeit hauptsächlich Aufgaben zu bekommen, mit denen sie ihr Essverhalten verändern sollen. Das klingt zunächst sinnvoll – ist es teilweise auch –, nur ist es oft so, dass das neu erlernte Verhalten genauso schnell wieder verschwindet wie es gekommen ist. Dies rührt vermutlich daher, dass die zentralen Beziehungskonflikte und oft schwierigen Erfahrungen aus der Vergangenheit der Bulimie-PatientIn in der Verhaltenstherapie nur am Rande Thema sind, somit unbearbeitet bleiben. Oft aber auch mögen PatientInnen am Anfang der Therapie diesen Ansatz (denn manche handeln oft lieber als zu reden), stellen dann aber fest, dass sich in ihren Gefühlen und ihrer Art wie sie die Dinge gefühlsmäßig erleben, wenig verändert.

Schulmedizin

Schulmedizinische Standardtherapien bei der Bulimie sind:

  • die psychodynamische Therapie (= Tiefenpsychologie und Psychoanalyse) (bieten der Facharzt für psychosomatische Medizin und der Psychoanalytiker an, ebenso manche Psychiater)
  • die Verhaltenstherapie (Verhaltenstherapeut, ebenso manche Psychiater)
  • die systemische und interpersonelle (Familien-)Therapie (Familientherapeuten, meist entsprechend ausgebildete Ärzte oder Psychologen, manche Heilpraktiker für Psychotherapie). Die systemische und interpersonelle Therapie muss übrigens nicht immer mit der Familie stattfinden, es gibt auch z.B. effektive systemische Einzeltherapie.
  • die psychosomatisch-psychotherapeutische Behandlung stationär (Fachklinik für Psychosomatik und Psychotherapie)
  • und die (nur begleitende) pharmakologische Behandlung (Facharzt für psychosomatische Medizin, Psychiater), meist mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI); dies sind stimmungsstabilisierende Medikamente ohne Sucht- und Abhängigkeitspotential. Nebenwirkungen sind jedoch oft nicht gering: Müdigkeit und Antriebsminderung sind unangenehm. Man muss aber keine Angst davor haben, da es ohnehin nur eine kurzfristige Übergangs“lösung“ sein kann. Denn: SSRI heilen nicht die Ursachen der Bulimie!

Naturheilkunde

Auch die Naturheilkunde hält zahlreiche Möglichkeiten zur Behandlung einer Bulimie bereit:

Psychodynamische und systemische Krisenintervention, interpersonelle Kurzzeittherapie

Die oben unter Schulmedizin genannten Standardtherapien werden von manchen Ärzten, Therapeuten und Heilpraktikern manchmal in abgewandelter (modifizierter), stark verkürzter Form angeboten (weshalb sie hier zu den alternativen Verfahren gerechnet werden). Diese Kurzzeittherapien können erfolgreich sein, wenn die Symptome noch nicht sehr lang bestehen und/oder relativ leicht ausgeprägt sind. Entsprechend ausgebildete Ärzte, Psychologen, Heilpraktiker für Psychotherapie bieten diese Verfahren an. Am besten direkt danach fragen!

Homöopathie

Eine alleinige homöopathische Konstitutionstherapie ist nach meiner Erfahrung nur bei leichter Symptomatik zu empfehlen. Da das Selbstwertgefühl von Bulimie-PatientInnen spätestens nach einigen Wochen Ess-Brech-Anfällen daniederliegt, ist es fraglich, ob dieses allein mit homöopathischer Behandlung erreicht werden kann. Einen Versuch kann es wert sein. Eine homöopathische Unterstützung der Bulimie-Patienten, die in Kombination mit anderen Therapien angewendet wird, ist dagegen durchaus möglich.

Akupunktur

Begleitende Akupunktur-Behandlung kann bei Bulimie-PatientInnen sinnvoll sein, um das innere Gleichgewicht wiederzufinden. Insbesondere in der Ohr-Akupunktur werden meist die mit der Bulimie assoziierten sog. Sucht- und Depressivitätspunkte genadelt, was viele Patientinnen als sehr hilfreich empfinden. Bei der Bulimie meist aber nur als Begleitmaßnahme geeignet.

Mesotherapie

Als begleitende Maßnahme im Hinblick auf psychosomatische Begleiterscheinungen einer Bulimie wie ausbleibende/unregelmäßige Periode, Kopf- und Regelschmerzen, depressive Verstimmung. Die Mesotherapie wurde bei der Bulimie bislang hauptsächlich in Frankreich angewendet, dort aber schon seit vielen Jahrzehnten. Verfahren und Wirkmechanismus sind ähnlich der Akupunktur, nur dass pharmazeutische Wirkstoffe unter die oberste Hautschicht gespritzt werden.

Schüssler-Salze

In der Frühphase einer Bulimie kann es mit Schüssler-Salzen versuchen. Besonders in Frage kommen:

  • Calcium phosphoricum als Spannungslöser,
  • Magnesium phosphoricum als klassisches Gleichgewichtssalz und
  • Silicea als Nervenstärkungssalz.

Die genaue Therapie sollte mit einem fachkundigen Therapeuten abgestimmt werden.

Was Sie selbst tun können

Alles, was das Selbstwertgefühl stabilisiert, ist bei einer Bulimie sinnvoll. Dazu gehören eine ausgeglichene Ernährung, körperliche Aktivität und ein zufriedenstellendes Beziehungsleben. Die Pflege von Freundschaften ist wichtig; manchmal hilft es in der Anfangsphase, sich der besten Freundin anzuvertrauen. Oft reguliert sich das Essverhalten wie von selbst. Wenn Partner oder Freundin finden, dass man ein attraktiver und interessanter Mensch ist, muss man nicht gleich vermuten, dass sie einem nur schmeicheln wollen – manche Menschen meinen es nämlich genau so, wie sie es sagen! Wenn allerdings starke Selbstzweifel und bulimisches Essverhalten über mehrere Wochen anhalten, sollte man ehrlich zu sich selbst sein und sich professionelle Hilfe holen. Also nicht zu lange warten!

Literaturquellen

Redaktion: Dr. rer. nat. Inge Ziegler

Kommentare

Kate, 13.02.2015:
Hallo,
Ich kann meinen Vorrednern nur Recht geben. Nachdem ich nun schon viele Artikel zu Bulimie (leide selbst seit ca. 2 Jahren daran) gelesen habe, finde ich diesen endlich mal zutreffend und nicht immer nur mit den gleichen Floskeln heruntergeschrieben. Danke dafür.
Sophie, 17.11.2014:
Hey hey! Man, das ist gerade echt komisch, ich bin gerade durch Zufall auf diese Seite gestoßen- wobei, eigentlich nicht, ich wusste ja, wonach ich erneut suchte-, aber ich habe noch NIE in all den Jahren eine Seite gefunden, die das Leben mit Bulimie so treffend und einfühlsam zugleich beschreibt! Mir war sofort klar, dass da ein höchst intelligenter und achtsamer Mensch, der selbst daran leidet, diesen Artikel geschrieben hat. Das ist kein wisschenschaftlicher bla bla scheiß, den irgendwelche super gebildeten Aärzte und Psychologen geschrieben haben, sondern eine eigenge Geschichte; verfasst von jemandem, der sich selbst, seine Krankheit und seine gesamte äußere Umwelt nicht nur gut wahrnehmen und erkennen kann, sondern auch Zusammenhänge und Parallelen zwischen ihnen entdeckt. (Hier muss angedeutet werden, ich studiere selbst Psychologie, und leide nun seit fast 6 Jahren an einer massiven Bulimie begleitet von anorektischen Phasen). Du hast glaube ich gerade uns alle; unsere individuellen Persönlichkeiten, unser Selbst und unsere Krankheit auf den Punkt gebracht. Hier war kein Fachkram von irgendjemandem, du hast aus der Perspektive einer Betroffenen gesprochen und das einfach mal auf einem verdammt kompetenten und analytischem Niveau- und trotzdem gefühlvoll. Ich hätte das selbst nicht treffender ausdrücken können! Ich danke dir für diesen Artikel, ich habe mich noch nie irgendwo zugleich so objektiv beschrieben und doch subjektiv verstanden worden gefühlt. Wer auch immer du bist: du wirst deinen Weg schon finden !!!

Alles Liebe und Gott sei mit dir,

Sophie
Lola, 15.11.2013:
"Fast immer sind Bulimie-PatientInnen sehr leistungsstark, intelligent und ehrgeizig, ähnlich wie PatientInnen mit Magersucht. Sie müssen oft unter hohem Energieaufwand taktieren, um ihre Symptomatik im Verborgenen zu halten und ihre hochgesteckten Leistungsziele zu erreichen, die sich meist auf Schule, Studium oder Ausbildung beziehen. Die meisten Bulimie-PatientInnen wurden früh selbstständig, andererseits klammern sie oft an Bezugspersonen und können ihre Selbstschutzfähigkeit nur schwer mobilisieren. Hohe Erwartungen an sich selbst und an andere wechseln sich meist ab mit Distanz und tiefem Misstrauen."

Ich kann nicht glauben, wie gut die Beschreibung der Persönlichkeit zu trifft! Wirklich haargenau, ich erkenne mich 100% wieder.. Es hängt doch alles irgendwie zusammen ;/
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