Orthomolekulare Medizin und Ernährung bei AD(H)S

Orthomolekulare Medizin und Ernährung bei AD(H)S

AD(H)S als komplexe Mangelkrankheit

Der Arzt für Naturheilverfahren Peter-Hansen Volkmann sieht AD(H)S in erster Linie als eine komplexe Mangelkrankheit, bei der neben der Ernährung Darmstörungen und Bewegungsmangel eine wesentliche Rolle spielen. Lesen Sie hier, wie er auf dieser Basis AD(H)S behandelt.
Übersicht AD(H)S

Autor/en dieses Beitrages:
Peter-Hansen Volkmann, FA. für Allgemeinmedizin aus Lübeck

Ursachen von AD(H)S

Einstein ist gut für viele treffende Zitate, wobei das folgende für die moderne Medizin besonders zutreffend ist.
„Jeder normal begabte Mensch ist in der Lage, einen einfachen Sachverhalt kompliziert darzustellen. Einen komplizierten Sachverhalt einfach darzustellen bedarf es profunden Wissens, Intuition und großen Mutes!“
Nach diesem Vorspann ist es für mich relativ einfach, die zentralen Ursachen für diese psychosomatische, oft scheinbar schwer zu fassende Erkrankung auf den Punkt zu bringen. Aus meiner langjährigen Erfahrung als Allgemeinarzt heraus spielen bei AD(H)S folgende drei Faktoren eine entscheidende Rolle:

1. Falsche Ernährung

Nahrungsmittelzusatzstoffe, die sogenannten E-Stoffe, werden heute in unüberschaubarer Menge und Verschiedenheit und in Kombinationen, die nie auf ihre gesundheitlichen Folgen hin überprüft worden sind, insbesondere von Kindern und Jugendlichen in Süßigkeiten, Chips oder Fertiggerichten verzehrt. Einige dieser E-Stoffe, wie bestimmte Lebensmittelfarbstoffe und der Konservierungsstoff Natriumbenzoat, erhöhen nachweislich das Risiko für hyperaktives Verhalten bei Kindern [Donna McCann et al., 2007].
Oftmals wird bei der Zufuhr von Chemikalien in der Nahrung die tolerierbare Höchstgrenze überschritten. Dies verdeutlicht die folgende Übersicht, die auf einem Bericht der Kommission über die Aufnahme von Lebensmittelzusatzstoffen in der Europäischen Union vom 1.10.2001 basiert. ADI bezeichnet die duldbare tägliche Aufnahme (Acceptable Daily Intake). Demnach muss man bei Kleinkindern mit Überschreitungen bis über 1200 % des ADI rechnen!

Aufnahme von Lebensmittelzusatzstoffen bezogen auf 15 kg schwere Kleinkinder

E-Nr.BezeichnungFunktionVorkommenADI [mg/kg Körpergewicht]Spannweite der geschätzten Aufnahme [% ADI]
E 220 - E 224, E 225 - E 228 Sulfite: Schwefeldioxid bis KaliumhydrogensulfitKonservierungsstoffe, AntioxidationsmittelKartoffelerzeugnisse, Trockenobst, Fleisch(-ersatz)0,783 - 1227
E 493/494Sorbitanmonolaurat/-oleatEmulgatorKuchen, Kekse, Gelee, Eis, Marmelade5657 - 802
E 520-523, E 541, E 554-556/559Aluminiumsulfate, Natriumaluminiumphosphat, AluminiumsilicateFestigungsmittel, StabilisatorenEiklar, kandiertes Obst, Käse, Gewürze40 - 750

¹Vorläufige tolerierbare wöchentliche Aufnahme (PTWI).
Auch raffinierte Zucker scheinen das AD(H)S-Risiko zu erhöhen.

2. Chronische Darmstörungen und Nährstoffmangel

Chronisch gestörte Darmverhältnisse mit Allergien auf oder Unverträglichkeiten gegenüber eigentlich gesunden Nahrungsmitteln wie Frischobst aus dem eigenen Garten oder Bioladen oder unbehandelte Nüsse spielen bei AD(H)S ebenfalls eine wichtige Rolle. Solche chronischen Darmstörungen werden mitunter auch als „psychosomatisches Bauchweh“ eingestuft.
Werden Nahrungsmittel durch die gestörte Verdauung nicht mehr optimal aufgeschlossen, entsteht ein latenter Mangel an Vitaminen, Spurenelementen etc. So wurden bei Kindern mit AD(H)S verminderte Spiegel an Magnesium, Calcium, Eisen und Zink nachgewiesen. Weitere wichtige Nährstoffe bei AD(H)S sind verschiedene B-Vitamine, Folsäure, Vitamin D und Chrom. Zudem wurden in Plasmalipiden und roten Blutkörperchen von AD(H)S-Patienten ein verringerter Gehalt an Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren festgestellt. Klar ist auch: Kinder, die sich ungesund ernähren, nehmen nicht genügend Nährstoffe auf. Diese fehlen dann unter anderem bei der Bildung von Nervenbotenstoffen (Neurotransmittern), die bei AD(H)S eine zentrale Rolle spielen.

Auch der Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin, Naturheilkunde und Akupunktur Dr. Mutter sieht Fehlernährung und Nährstoffmangel als wichtige Mitursachen von AD(H)S. Dr. Mutter: "Meist ist auch ein Mangel an wichtigen Spurenelementen (Mangan, Chrom, Zink, Selen, Molybdän, Vanadium) und Mineralstoffen (besonders Magnesium und Kalium) vorhanden." Zudem sieht er den Verzehr von Soja kritisch, da dieses u.a. auch zu AD(H)S führen oder dieses verschlimmern könne.

3. Bewegungsmangel

Viel zu wenig Bewegung – v.a. an der frischen Luft sehe ich als weiteres Problem bei AD(H)S. Sport in der Halle ist besser als nichts, aber Hallen enthalten oft belastende Umweltchemikalien in der Atemluft, die bei sensiblen Kindern zu weiteren Problemen führen können.

AD(H)S-Therapie

Aus den genannten Ursachenkomplexen leitet sich die von mir praktizierte AD(H)S-Therapie ab:

1. Gesunde Ernährung

Die Ernährung ist auf gesunde, ökologische Frischkost aus dem eigenen Garten oder aus dem Bioladen umzustellen. Alles, was die Kinder verzehren, sollte natürlich gewachsen und nur geringfügig bearbeitet worden sein wie z.B. Brot. Viele Lebensmittel sind bei näherer Betrachtung gar nicht so gesund wie ihr Ruf. Dabei verweise ich gern auf Cornflakes als „gesundes Frühstück mit H-Milch“. Sowohl Cornflakes als auch Milch sind stark verarbeitete Lebensmittel, auf die man lieber verzichten sollte. Nicht ohne Grund erkennen weder Pilze noch Bakterien H-Milch als Nahrungsmittel an!
Biokost kann sich nicht jeder leisten!“ höre ich gelegentlich bei meinen Gesprächen in der Praxis. Dann achten Sie doch einfach mal darauf, was Sie sparen, wenn Sie den bisher gekauften „Chemiemüll“ von Süßigkeiten bis zu Fertiggerichten einfach im Supermarktregal liegen lassen. Wenn Sie das eingesparte Geld in die Mehrkosten von Biolebensmitteln investieren, werden Sie keine oder kaum Mehrkosten haben – und zusätzlich Gesundheit gewinnen. Sie dürfen mir glauben, dass diese Rechnung bei mehr als 90 % der betroffenen Familien problemlos aufgeht.

Dr. Mutter empfiehlt zudem bei ADHS Soja zu meiden, da dieses auch ADHS auslösen könne. Auch Herr Volkmann rät seinen Patienten vom Verzehr von Soja ab - ein Grund sind mögliche Verunreinigungen mit genverändertem Soja.

2. Orthomolekulare Darmsanierung

Die massive Zufuhr von E-Stoffen verschlackt die Grundsubstanz nach Pischinger (Extrazellulärraum, Bindegewebe, Pischinger-Raum) und überlastet die Ausleitung sowie Entgiftung des Köpers. Eine solche Verschlackung kann sich schon bei 10-Jährigen als Cellulite und schwammiges Fettgewebe zeigen. Zur Entgiftung, aber auch zur Wiederherstellung gesunder Verdauungsverhältnisse, empfiehlt sich die Zufuhr von reinen Vitaminen, Spurenelementen, Omega-Fettsäuren usw. Eine sanfte orthomolekulare Darmsanierung halte ich für sinnvoll und notwendig, um langfristig die Gesundheit wiederherzustellen und zu sichern.

Zum Einsatz von Nährstoffen in der AD(H)S-Therapie ergänzt Dr. Mutter: "Schon die alleinige hochdosierte Gabe von Magnesium oder Zink konnte in einigen Fällen die ADHS-Symptome verbessern." Während Dr. Mutter dabei auf Magnesiumlaktat setzt, bevorzugt Herr Volkmann Magnesiumcarbonat, da dieses zusätzlich entsäuernd wirkt.

Dr. Schmitz sieht den Nährstoffmangel bei AD(H)S noch in einem anderen Zusammenhang. In vielen Fällen stecke eine (schulmedizinisch nicht anerkannte) Kryptopyrrulourie (KPU) dahinter, bei der insbesondere Zink und Vitamin B6 vermehrt ausgeschieden würden. Dieser Mangel könne durch eine entsprechende Zufuhr von Orthomolekularia jedoch leicht ausgeglichen werden.

3. Bewegung

Sport und Bewegung in jeglicher Form sind wichtig, um dem natürlichen Bewegungsdrang des Kindes gerecht zu werden. Jedes Kind will sich bewegen, um Muskeln, Knochen und Gelenke optimal ausbilden zu können. Bewegung fördert den Stoffwechsels und die Entgiftung. Darüber hinaus ist Bewegung zur geistigen und emotionalen Entwicklung eines Menschen unabdingbar. Nicht zuletzt die Fünf Tibeter oder gut gemachte Yoga-Übungen zeigen eindrucksvoll, was Bewegung in uns an physischen und psychischen Energien freisetzen kann. Meinen Patienteneltern sage ich daher stets: „Schicken Sie Ihr Kind auf die Weide zum Toben, dann ist die Hyperkinetik schnell ausgeglichen – soweit Sie die empfohlenen Ernährungsansätze konsequent umsetzen.“
Bei AD(H)S-Kindern sind nicht Fernsehen oder eigener Computer im Kinderzimmer mit Cola, Chips und Schokolade angesagt, sondern liebevolle Zuwendung und Elternzeit beim gemeinsamen Wandern, Basteln, Musizieren, Fahrradfahren, Schwimmen oder Fußballspielen in der freien Natur.

8 Tipps bei AD(H)S

1. Achten Sie auf ausreichende Nährstoffzufuhr. Nahrungsergänzungsmittel sollten frei von
    Zusatzstoffen sein.
2. Pflegen Sie den Darm. Ich empfehle hierfür eine orthomolekulare Darmsanierung.
3. Meiden Sie industriell bearbeitete, an lebenswichtigen Vitaminen und Spurenelementen
    verarmte und den Darm belastende Chemiekost von Fast Food bis Cola.
4. Verzichten Sie auf größere Mengen raffinierte Zucker und Lebensmittel, gegen die Allergien
    bestehen.
5. Meiden Sie Salicylate in Lebensmitteln und Medikamenten.
6. Trinken Sie zur Verbesserung der Entgiftung ausreichend klares Wasser.
7. Bewegen Sie sich mehr – am besten an der frischen Luft.
8. Sorgen Sie für echte Ruhezeiten bei ihren Kindern und füllen Sie diese nicht mit Zusatz-
    programm.

Mein Fazit zur AD(H)S-Therapie

Aus diesem ganzheitlichen Verständnis heraus ist Kindern mit Hyperkinetik, aber auch Erwachsenen mit unruhigen Beinen (Restless legs), regelmäßig gut zu helfen. Eine solche umfassende Therapie kommt völlig ohne Ritalin oder Restex® aus, d.h. ohne Psychopharmaka, deren langfristige Folgen für die Gesundheit des kindlichen wie erwachsenen Gehirns noch gar nicht abzuschätzen sind.

Literaturquellen

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  • Amber L. Howard et al.: ADHD Is Associated With a “Western” Dietary Pattern in Adolescents. Journal of Attention Disorders July 2011 vol. 15 no. 5 403-411. (doi: 10.1177/1087054710365990)
  • Ann M DiGirolamo; Manuel Ramirez-Zea: Role of zinc in maternal and child mental health. Am J Clin Nutr. 2009 (doi: 10.3945/ajcn.2008.26692C)
  • Bilici M. et al.: Douple-blind, placebo-controlled study of zinc sulfate in the treatment of attention deficit hyperactivity disorder; Prog Neuropsychopharmacol Biol Psychiatry. 2004 Jan; 28(1): 181-90
  • Cotese S et al.: Brain iron levels in attention-deficit/ hyperactivity disorder; Word J. Biol Psychiatry, 17.05.2011
  • Daniela Frieden: ADS/ADHS und Fettsäuren (Diplomarbeit), 12.5.2010
  • Dodig-Curkovic K. et al.: The role of zinc in the treatment of hyperactivity disorder in children. Acta Med Croatica. 2009 Oct;63(4):307-13
  • Donna McCann et al.: Food additives and hyperactive behaviour in 3-year-old and 8/9-year-old children in the community: a randomised, double-blinded, placebo-controlled trial. The Lancet, 370, 9598: 1560-1567, 2007. (doi:10.1016/S0140-6736(07)61306-3)
  • Julia Rucklidge et al.: Effect of micronutrients on behavior and mood in adults with ADHD: Evidence from an 8-week open label trial with natural extension. Journal of Attention Disorders January 2011 vol. 15 no. 1 79-91. (doi: 10.1177/1087054709356173)
  • Optimale Gehirnernährung für Kinder, P. Holford und D. Colson, VAK Verlag, 2008
  • Pressemitteilung der TK: (Zu) viele Pillen für den Zappelphilipp?! Verordnungen für ADHS-Kinder im Saarland steigen
  • Uwe Gröber: Hyperaktiv und hypermotorisch – ein Mangel an Methylphenidat? Zeitschrift für Orthomolekulare Medizin 2008; 3 (5): S. 5-8
  • Uwe Gröber: Methylphenidat und Zink. Zeitschrift für Orthomolekulare Medizin 2009; 2: 24-26
  • Volkmann, P.-H.: Ökosystem Mensch. Gesundheit ist möglich. VBN-Verlag.
  • Yujeong Kim and Hyeja Chang: Correlation between attention deficit hyperactivity disorder and sugar consumption, quality of diet and dietary behavior in school children. Nutrition Research and Practice, 2011;5(3):236-245

Linktipps

ergänzt und kommentiert von:
Dr. med. Joachim Mutter, aus Konstanz

Redaktion: Dr. rer. nat. Inge Ziegler

Kommentare

Online-Redaktion, 04.05.2016:
Liebe Frau Jahudi,
danke für Ihren Hinweis. Ein Patentrezept gibt es bei keiner Erkrankung - und schon gar nicht bei ADHS. In diesem Beitrag standen bewusst die orthmolekulare Therapie und Ernährung im Fokus. Immerhin gibt aber durchaus eine Reihe Kinder bei denen die hier genannten Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Und es ist gut, wenn betroffene Eltern - wie es bei Ihnen zum Glück eh schon der Fall ist - darum wissen und darauf achten. Verweisen möchten wir in diesem Zusammenhang auch auf ein Projekt von Gerald Hüther: http://www.geo.de/GEO/reisen/reisewissen/interview-alm-statt-ritalin-62250.html
Weitere Anregungen zum Thema ADHS, die in Ihrem Fall vielleicht zielführender sind, finden Sie bei uns im Portal unter http://www.naturheilmagazin.de/natuerlich-heilen/krankheiten-a-bis-z/adhs-und-ads/adhs.html
Viel Erfolg bei der Suche nach Alternativen wünscht Ihnen
Ihre Online-Redaktion
Janine Jakobi aus Hude, 01.05.2016:
Ich finde es ätzend, dass bei ADHS Kindern immer automatisch davon ausgegangen wird, dass sie sich nur von Chips, Cola, Fertiggerichten und Schokolade ernähren und den ganzen Tag vor dem PC/Fernseher hängen. Sobald man das alles ändert ist die Krankheit wie weggeblasen. Toll!

Mein Kind nimmt das alles nicht zu sich und konsumiert auch wenig elektronische Medien, es hat trotzdem ADHS und nun?

Manche machen sich das Leben echt zu einfach!
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